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Beethoven Sinfonie Nr. 3 "Eroica"

Hallo

Hier ein Text, den ich vor längerer Zeit über das Werk verfasst habe:

Beethoven – Eroica

Die Dritte von Ludwig van Beethoven, ist eines der wichtigsten und folgenreichsten Schlüsselwerke der Musikgeschichte und zugleich eines der Schlüsselwerke unter den Kompositionen des Komponisten. Es ist ein Werk voll radikaler Ideen.

Gleichzeitig wird das Werk umnebelt von Erzählungen, Vermutungen und Theorien, was zu einer Legendenbildung; möglicherweise zu anekdotischer Übertreibung führt.

Ein ganzes Jahr arbeitet der Komponist an dem Werk, um die Jahresmitte 1803 ist das Werk abgeschlossen

Um es wirklich zu erfassen, ist es erforderlich, sich mit der persönlichen Situation Beethovens und den politischen Entwicklungen in Europa zu befassen.

Offenbar wollte Beethoven das Werk zunächst Napoleon Bonaparte widmen, hat diese Idee allerdings verworfen, als er erfuhr, dass dieser sich zum Kaiser krönen ließ.

Doch dazu später mehr.

Die Wiener Erstaufführung fand am 20.Januar 1805 halböffentlich statt. Offiziell und öffentlich erstmals am 7. April 1805 im Theater an der Wien.

Krankheit

Zu Beginn des Jahrhunderts ist Beethoven innerlich zutiefst deprimiert. Seine Schwerhörigkeit, die bereits im Alter von 26 Jahren begonnen hatte, besserte sich nicht.

In einem Brief an seinen Bonner Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler vom 29. Juni 1801 schreibt er:

„…mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden… meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort. Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu, seit zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil´s mir nichtmöglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub.“

Gleichzeitig ist allerdings auch überaus produktiv: Häufig arbeitet er an 4 Kompositionen gleichzeitig.

Auch hat er eine erfolgreiche Ballettmusik geschrieben: Die Geschöpfe des Prometheus op. 43. Eine Komposition, die für die Eroica-Sinfonie sehr große Bedeutung haben wird.

Während eines fünfmonatigen Aufenthaltes in Heiligenstadt bei Wien erleidet Beethoven einen seelischen Zusammenbruch. Er stürzt in einen Abgrund von Verzweiflung und Trostlosigkeit. Offenbar denkt er daran, sich das Leben zu nehmen. Erst Jahre später schreibt er einer Freundin von seinen Leiden und von dem Kampf zwischen Tod und Leben. Jetzt aber durchlebt er den Leidensprozess völlig allein.

Am 6. Oktober 1802 greift er zur Feder und verfasst ein drei Seiten langes Schriftstück, das an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann gerichtet ist. Er verfasst sein Heiligenstädter Testament.

Beethoven scheint sich mit diesem Heiligenstädter Testament, das – ebenso wie sein Brief an die Unsterbliche Geliebte – erst nach seinem Tode 1827 gefunden wird, die Ängste von der Seele geschrieben und neuen Lebensmut gewonnen zu haben. Das Testament war offenbar ein Wendepunkt in seiner schöpferischen Entwicklung.

Doch wie war das jetzt mit Napoleon?

Öffentlich hatte er seine Sympathien für ihn noch nie geäußert. Seine Sympathie, die – wie er gegenüber seinem Biografen Anton Schindler gesagt haben soll, darauf beruhte, dass es „dem außerordentlichen Manne in wenig Jahren schon gelungen war, das Chaos der gräuelvollsten Revolution mit kräftiger Hand wieder in eine staatliche Ordnung zurückzuführen“. Eine Sympathie, die er im Übrigen mit Goethe, Hölderlin oder Wieland teilte.

Wie ist das geschichtlich einzuordnen?

1796: Der junge General Napoleon Bonaparte übernimmt das Kommando über die französische Armee und führt seine Truppen von Sieg zu Sieg. Seine Truppen schlagen das österreichische Heer. Kaiser Franz befürchtet das Schlimmste. Er ruft die Bevölkerung zur Verteidigung des Vaterlandes auf. Zum Geburtstag des Kaisers komponiert Haydn eine Hymne auf „Franz den Kaiser“ und auch Beethoven liefert zwei Beiträge:

  • Abschiedsgesang an Wiens Bürger
  • Kriegslied der Österreicher

Im Februar 1798 schickt das Pariser Direktorium den jungen General Jean Baptiste Bernadotte als Botschafter nach Wien. Zum Ärger der Wiener Bevölkerung trägt Bernadotte seine Siegermentalität offen zur Schau.

Auch Beethoven verkehrt nun in diesem Zirkel. Bernadotte schätzt ihn und macht ihm anscheinend eines Tages den Vorschlag, Napoleon „den größten Helden des Zeitalters in einem Tonwerk“ zu feiern. (Schindler)

Beethoven ist offenbar sogar entschlossen, Wien zu verlassen und nach Paris zu übersiedeln, in die Stadt Bonapartes, die Metropole der freien Republik Frankreich. Seine neue Sinfonie will er mitnehmen, um sich dort in der Öffentlichkeit zu präsentieren und das Werk als eine Art musikalischer Visitenkarte auszuspielen.

Am 18. Mai 1804 beschließt der Senat in Paris, den Ersten Konsul von Frankreich, Napoleon Bonaparte, zum Kaiser zu ernennen.

Von Ferdinand Ries, einem Schüler Beethovens, ist dessen Reaktion überliefert: „Ist der auch nichts anders, wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeiz frönen; er wird sich nun höher, wie alle Andern stellen, ein Tyrann werden!“

Damit sind auch die Umzugspläne nach Paris gegenstandslos.

Sein Kunstideal, seine sittlich-ethische Haltung, mit den Idealen der Freiheit, Brüderlichkeit und Menschliebe prägen sein Werk. Das scheint damit nicht vereinbar, dass gerade der Hoffnungsträger, der diese Werte für ihn verkörperte, nun selbst feudalistischen Machtversuchungen verfiel. Für Beethoven ein politischer Anachronismus.

Gleichzeitig interessierte sich der Gönner Fürst Lobkowitz für das Werk. Der Kunstliebhaber und Mäzen, der es als seine Aufgabe verstand, junge Komponisten zu fördern, stellte ihm dann auch ein Ensemble zur Verfügung, um das neue Werk zu proben und stellt Geld zur Verfügung. Ihm wird das Werk letztlich auch gewidmet sein.

Denn in einer Anzeige der Wiener Zeitung vom 19.10.1806 liest man schließlich den folgenden Titel : Sinfonie Eroica composta per festeggiare il sovvenire di un grand Uomo e dedicate a Sua Altezza Serenissima il Prinzipe di Lobkowitz da Luigi van Beethoven op. 55

Eine heroische Sinfonie, komponiert, um das Andenken an einen großen Mann zu feiern und seiner Hoheit, dem Fürsten Lobkowitz, gewidmet von Ludwig van Beethoven op. 55.

Aufbau

Wie bereits erwähnt, sprengte Beethoven mit der Eroica die Gewohnheiten der bisherigen Kompositionskunst.

  • Sie beginnt mit einem extrem langen Satz
  • Als zweiten Satz baue er einen Trauermarsch ein
  • Die Sinfonie endet mit einem gewaltigen Finale als Krönung des ganzen Prozessverlaufs.

Der 1.Satz Allegro ist einer der längsten, die Beethoven geschrieben hat.

Zu Beginn erklingen 2 kurze Tutti-Akkorde; eine unkonventionelle energische Geste. Dann folgt eine einfache Dreiklangmelodie, die gleiche wie in Mozarts Ouvertüre zu „Bastien und Bastienne“

 

Für den zweiten Satz komponiert Beethoven wie erwähnt einen Trauermarsch. Erstmals wird ein Trauermarsch Bestandteil eines größeren Werkes der Instrumentalmusik.

Mit dem zweiten und dem dritten Satz nimmt Beethoven bereits Bezug auf seine Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“.

Ganz offensichtlich wird dieser Bezug im 4. Satz, dem eigentlichen Eroica-Satz mit dem gleichnamigen Thema.

Ihren Eigennahmen „Eroica“ – also eine heldische Sinfonie – verdankt das Werk der Verwendung dieses Eroica-Themas, Beethoven hatte es bereits in mehreren Werken – außer dem Prometheus verwendet.

Erstmals tauchte das Thema in seinen 12 Contretänzen – genauer gesagt, in der Nr. 7 – auf. Später verarbeitete er es zu den Eroica-Variationen für Klavier o. 35. Im Schlusssatz der bereits erwähnten Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“ hat er den Helden ebenfalls mit diesem Thema gefeiert. Und nun verwendet er es in seiner Dritten Sinfonie für den Schlusssatz.

Man könnte die Vermutung anstellen, dass er den Mythos Prometheus mit dem Mythos Bonaparte verbindet, zu seiner Leitidee macht und daraus eine Sinfonie formt – Die Eroica – Sinfonie. Entsprechend heroisch, zeitweilig erhaben, ist die Tonsprache dieses überaus wichtigen und großen Werkes der Musikgeschichte.

 

Und hier die Sinfonie in voller Länge mit dem HR-Sinfonieorchester und Andrés Orozco-Estrada:

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Gruß Wolfgang

Willi und André haben auf diesen Beitrag reagiert.
WilliAndré

Ich möchte an dieser Stelle die Aufnahme einstellen, mit der ich die Eroica vor 61 Jahren kennengelernt habe, Herbert von Karajans erste Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern, die in den Jahren 1962/63 entstand und als Subskription angeboten wurde. Diese Subskription habe ich damals erworben und vom Taschengeld bezahlt, dass ich mit Botenlohn für die Auslieferung einer Lesezirkelmappe aufgebessert hatte. Viele Jahre lang war diese Gesamtaufnahme für mich State of the Art, bis ich andere Aufnahmen erwarb von Dirigenten, die im Gegensatz zu Karajan, Böhm u. a. die Wiederholungsvorschriften Beethovens ernst genommen haben und wiederholt haben, was wiederholt gehört. Ein berühmter Pianist, Alfred Brendel, sagte einmal, bezogen auf die Sonaten Beethovens, bei Beethoven rechtfertige sich jede einezlne Note aus sich selbst heraus. Dem ist nichts hinzuzufügen, und das gilt für die Sinfonien in gleicher Weise.
Hier nun die Eroica von 1963, bei der nach 3:08 Minuten die Exposition wiederholt werden müsste:

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Liebe Grüße

Willi😀

Trotzdem gibt es in der Zeit Anfang der Sechziger Jahre Dirigenten, anders als Karajan und Böhm, Dirigenten, die etwas genauer  hingeschaut (-hört) haben, wie z. B. Franz Konwitschny, der hier die Eroica mit dem Gewandhausorchester eingespielt hat, etwas getragener als Karajan und Böhm, aber auch, wie ich meine, dadurch etwas heroischer. Er erreicht das Ende der Exposition bei 3:30 Minuten und – wiederholt sie. Man muss dazu sagen, dass bei der Wiederholung die beiden einleitenden Tutti-Schläge unterbleiben:

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Liebe Grüße

Willi😀

 

Eine wunderschöne Einspielung neueren Datums, zum 25-jährigen Bestehen des New Yorker Orchesters „Park Avenue Chamber Symphony„:

Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 3, op. 55 (Eroica)
Park Avenue Chamber Symphony, David Bernard

 

https://www.youtube.com/playlist?list=PLHUp7A-fk9yJp2Q-7NKWWKGSzWPF5l8d2

 

"Ein Tag ohne Musik ist ein verlorener." Peter Schreier

Auch eine sehr schöne Aufnahme, da kann ich dir Recht geben.

Zum Vergleich habe ich hier diese Aufnahme. Fällt dir da etwas auf, besonders, wenn du die Streicher anhörst?

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Liebe Grüße

Willi😀

André hat auf diesen Beitrag reagiert.
André

Lieber Willi,

danke für diese wundervolle Aufnahme! Als Flötenspieler fielen mir erstmal die schönen historischen Flöten auf, mit ihrem wunderschönen Klang. Die Streicher, auch historische Instrumente, fügen sich mit ihrem warmen Sound bestens in diese Klangwelt ein. Es sind natürlich alles historische Instrumente im Orchester: so könnte es zur Zeit von Beethoven geklungen haben, mit reichen Klangfarben. Besonders liebe ich auch den Klang der Naturhörner.

LG André

"Ein Tag ohne Musik ist ein verlorener." Peter Schreier

Hier habe ich noch einmal Jukka Pekka Saraste, der einzige Dirigent, von dem ich alle Beethoven-Sinfonien live erlebt habe, einige, wie z. B. die Eroica, schon zu Beginn seiner zweiten Saison in Köln, als ich in das WDR-Abo eingestiegen bin, und schon damals, in meiner ersten Saison mit ihm, fiel mir auf, wieviel Feuer er als Nordländer versprühen konnte und dies auch tat, und das mekrt man gerade auch bei der „Eroica“:

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Liebe Grüße

Willi😀

Hier habe ich eine Aufnahme eines Dirigenten, der in Berlin die Nachfolge Karajans angetreten hat und vorher, warum auch immer. Beethovens neun Sinfonien mit dem europäischen „Hauptkonkurrenten“ der Berliner, nämlich den Wiener Philharmonikern, eingespielt hat, und wie ich weiter oben schon erläutert hatte, gehört er anders als Karajan, Böhm und einigen anderen zu denjenigen, die der Meinung sind, dass die Wiederholung der Exposition, wenn sie denn expressiv verbis mit einem verbindlichen Wiederholungszeichen in der Partitur vermerkt ist, auch zu wiederholen ist. Claudio Abbado hat natürlich diese Vorschrift beachtet, wie viele andere Dirigenten, die in der Generation nach Karajan u. a. die Szene betraten, dies selbstverstänndlich auch gemacht haben. Hier ist nur die „ganze“ Eroica:

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Liebe Grüße

Willi😀

André hat auf diesen Beitrag reagiert.
André

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