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BERLIN, Irving: ANNIE GET YOUR GUN

ANNIE GET YOUR GUN
Musical in zwei Akten
Musik und Gesangstexte von Irving Berlin / Israel Isidore Baline (1888-1989)
Buch von Herbert und Dorothy Fields
Originalsprache Englisch.

Uraufführung am 16. Mai 1946 im Imperial Theatre, New York, mit Rundfunk-Live-Übertragung

Personen der Handlung:
Annie Oakley, Scharfschützin
Frank Butler, Scharfschütze
Oberst William F. Cody (Buffalo Bill), Inhaber einer Wild-West-Show
Charlie Davenport, Buffalo Bills Manager
Jake, Jessie, Nelly und Minny (Annies Geschwister)
Major Gordon Lillie (Pawnee Bill / in der deutschen Fassung Shanghai Bill)
Tommy Keeler, junger Cowboy und Freund von Winnie
Dolly Tate, Butlers Assistentin
Winnie, ihre Tochter
Sitting Bull, Häuptling der Hunkpapa-Lakota-Sioux

Das Stück spielt im Jahre 1880 in Amerika.

Erster Akt.
Ein riesiges Plakat wirbt im Hotel von Foster Wilson in einer Kleinstadt nahe Cincinnatti, Ohio, für die Wild-West-Show von Oberst William F. Cody, den alle nur als „Buffalo Bill“ kennen. Im Moment bemüht sich Charlie Davenport neben weiteren Mitgliedern der Truppe, den Bewohnern des Fleckens die Show schmackhaft zu machen. So wird dem Gewinner eines Wettschießens die unglaubliche Summe von 100 Dollar geboten; das beiläufige Problem ist allerdings der Gegner: Frank Butler, der Scharfschütze der Show und ein großes Ass auf diesem Gebiet.

Während Butler mit den Mädchen des Ortes schäkert, kommt Annie Oakley, ein junges Mädchen, die mit ihrer Familie in den nahen Wäldern zu Hause ist, zum Hotelbesitzer Wilson, um ihm selbst geschossenes Geflügel anzubieten. Die Besonderheit der Ware und damit eine sichere Chance, das Geflügel auch loszuwerden, ist, dass die Tiere nur mit einer Gewehrkugel geschossen wurde, und nicht mit Schrot durchsiebt sind. Annie stellt Wilson bei diesem Gespräch auch ihre Geschwister Jake, Jessie, Nelly und Minny vor (Doin‘ What Comes Natur’lly/Weil es ganz von selber geht). Dann demonstriert sie dem Hotelbesitzer ihre Schießkünste, die Mr. Wilson dermaßen beeindrucken, dass er sich sofort zu Frank Butler begibt, da er für sich eine Chance zum 100-Dollar-Gewinn sieht.

Auch Annie hat eine Begegnung mit Frank Butler und hat sich, der Zuschauer merkt es, in den gutaussehenden Mann sofort verliebt. Aber der hat eine andere Vorstellung: sein Mädchen muss zierlich und ordentlich sein (The Girl That I Marry/Die Frau meiner Träume), und Annie liegt da nicht auf Linie. Sie äußert sich sehr betrübt mit der Erkenntnis, dass man Glück und Liebe nicht mit dem „Schießeisen“ erringen kann.

Am Abend in Buffalo Bills Wild-West-Show steht Annie, überraschend für sie, ihrem Schwarm gegenüber, jetzt als seine Gegenspielerin. Und Annie gewinnt das Wettschießen, was Buffalo Bill und Charlie Davenport veranlasst, sie sofort für ihre Show zu engagieren (There’s No Business Like Show Business). Tatsächlich nimmt Annie das attraktive Angebot an und arbeitet fortan als Franks Assistentin. Die Liebe zu dem Angebeteten steigt weiter (They Say That Falling In Love/Man sagt, Verliebtsein, das wäre wundervoll).

Die Show zieht weiter nach Minneapolis und Annie singt ihren Geschwistern ein Schlaflied (Monnshine Lullaby). Wir lernen zwei weitere Mitglieder der Truppe kennen, Tommy Keeler und Winnie Tate, die sich verliebt haben und heimlich heiraten wollen. Dieses Vorhaben setzen sie auch in die Tat um. Allerdings ahnen sie nicht, dass die Ehe nur von kurzer Dauer sein wird.

In Minneapolis angekommen wird sofort durch die Show-Truppe eine neue Werbeaktion gestartet. Interessanterweise lässt Frank inzwischen ein gesteigertes Interesse an Annie erkennen; die hat jedoch mit einer neu einstudierten Motorradnummer großen Erfolg. Frank fühlt sich dadurch zurückgesetzt und beschließt völlig überraschend, Buffalo Bills Truppe zu verlassen und bei der Konkurrenz von Pawnee Bill (der sich in der deutschen Version des Musicals Shanghai Bill nennt) anzuheuern.

Annie macht inzwischen die Bekanntschaft von Sitting Bull, Häuptling der Hunkpapa-Lakota-Sioux-Indianer, der von Annie dermaßen begeistert ist, dass er sie, indianischen Gebräuchen folgend, seine Tochter nennt (Indian Dance; Ceremonial Chat; I’m An Indian Too; Tribal Dance).

Zweiter Akt.
Die Truppe von Buffalo Bill kommt von einer Europa-Tournee zurück; das Unternehmen war ein künstlerischer Erfolg, aber ein finanzielles Fiasko. Da erreicht Buffalo Bill eine Einladung von Pawnee Bill zu einer Begrüßungsparty in New York, die der von der Tournee durch Europa enttäuschte Oberst William F. Cody auch annimmt. Es sind Zukunftsängste, die ihn dazu veranlasst haben: Für beide Unternehmen, so meint er zu wissen, wäre es bedeutungsvoll, zu fusionieren. Die gleichen Überlegungen hat auch Pawnee Bill angestellt und denkt, wie Buffalo Bill, an eine gemeinsame Sanierung ihrer Truppen. Allerdings weiß Pawnee Bill nicht, dass die Europa-Tournee für seinen Konkurrenten ein finanzielles Desaster war und die erhoffte Stange Geld nur ein Traumgebilde ist. Natürlich geht auch Buffalo Bill von der falschen Voraussetzung aus, sein zukünftiger Kompagnon habe Geld angehäuft.

Von völlig anderen Gedanken ist Annie Oakley gefangen genommen: Sie freut sich auf ein Wiedersehen mit Frank Butler, den sie noch immer liebt. Und da ist noch jemand, der sich auf ein Wiedersehen freut: Tommy Keeler kann es kaum abwarten, seine Winnie wiederzusehen; ihre Ehe hat nämlich nicht lange gewährt, weil Winnies Mutter Dolly Tate sie annullieren ließ. Gleichzeitig waren Mutter und Tochter von Buffalo Bills Truppe zu Pawnee Bill gewechselt. Auf der bewussten Party treffen nun alle zusammen. Pawnee Bill und Buffalo Bill einigen sich sehr schnell auf die Zusammenlegung ihrer Unternehmen, um dann plötzlich festzustellen, dass das erwartete Geld auf keiner Seite vorhanden ist.

Hier kommt Annie ins Spiel: Um notwendiges Kapital zu besorgen, stellt sie ihre wertvolle Sammlung von Medaillen, die sie auf der Tournee eingeheimst hat, zur Verfügung (Got The Sun In The Mornin’/Ich hab‘ die goldne Sonne und den Silbermond). Als jetzt Frank hinzukommt, sieht es zunächst einmal so aus, als könnten auch zwei Herzen fusionieren. Dann aber geschieht etwas, das die Liebe wieder trübt: Frank schenkt seiner Annie voller Stolz seine drei Tournee-Orden und muss dann feststellen, dass Annie eine viel größere Kollektion zusammen hat. Zornig verlangt er ein neues Wettschießen und äußert zudem noch, dass sie wohl doch nicht die richtige Frau für ihn ist (Reprise The Girl That I Marry).

Bevor es zum Wettschießen kommt, schießen beide erst einmal kräftig mit Worten aufeinander: Anything You Can Do I Can Do Better / Alles, was du kannst, das kann ich viel besser. Weil die, die sich lieben, oft necken, schaltet sich Häuptling Sitting Bull ein und gibt „seiner Tochter“ den Rat, Zweitbeste zu werden, dafür aber das Glück zu gewinnen. Prompt schießt Annie einmal daneben und bringt damit nicht nur ihr Herz mit dem von Frank zusammen, sondern endgültig auch die beiden Shows…

Bekannte Songs dieses Musicals sind:
Doin’ What Comes Natur’lly (Weil es ganz von selber geht)
You Can’t Get a Man With a Gun (Denn am Schießeisen beißt keiner an)
There’s No Business Like Show Business
They Say It’s Wonderful (Man sagt, verliebt sein, das wäre wundervoll)
Anything You Can Do, I Can Do Better (Alles, was du kannst, kann ich viel besser)

Anmerkungen:
Irving Berlin wurde nach eigenen Angaben am 11. Mai 1888 (greg. Kalender) als Israel Isidore Beilin oder auch Baline im sibirischen Temun (als Tjumen identifiziert) geboren, und starb am 22. November 1989 in New York. Er kam 1892 mit seinen Eltern in die Staaten, riss mit vierzehn Jahren von zu Hause aus und arbeitete zunächst als “Singing Waiter“ in Pelham’s Cafe auf der Lower East Side in New York.

Später wurde er Claqeuer und Songwriter, wobei er sich das Klavierspiel selbst beibrachte und deshalb, angeblich, nur in Fis-Dur komponieren konnte (einer Tonart mit sechs Kreuzen). Den ersten und durchschlagenden Erfolg hatte Berlin mit „Alexanders Ragtime Band“ von 1911. 1920 wurde er Intendant eines eigenen Theaters und schrieb in der Folge auch Filmmusiken, so z. B. zu „The Jazz Singers“ mit Al Jolson (1927) und „Top Hat“ mit Ginger Rogers und Fred Astaire. 1942 kam „Holiday Inn“ in die Kinos, hierin der Welthit „White Christmas“. Die Tantiemen seines Schlagers „God Bless America“ (über zehn Millionen Dollar) ließ der Komponist während des zweiten Weltkriegs der US-Regierung zukommen.

Jerome Kern, einer der ganz Großen dieses Metiers, sagte: „Irving Berlin has no place in American music; he is American music.“

Der Plot basiert auf einer wahren Begebenheit: Phoebe Ann Oakley Mozee (1860-1926) machte als Achtzehnjährige von sich reden, als sie den Meisterschützen Frank Butler in einem Schießwettbewerb regelrecht deklassierte. Aber immerhin hatten sich die beiden ineinander verliebt und heirateten. Frank Butler konnte seine Frau in Buffalo Bills Show unterbringen, die in Tourneen in den USA großen Erfolg hatte. Nach einer Europa-Tournee kamen sie zwar mit Ehren überhäuft, aber völlig mittellos, in die USA zurück.

1901 wurde Annie Oakley bei einem Eisenbahnunglück an der Wirbelsäule verletzt und zog sich daher aus Buffalo Bills Show zurück. Zunächst teilweise gelähmt, erholte sie sich aber nach mehreren Operationen, konnte in der Folge noch einige Schießrekorde aufstellen und an Schießwettbewerben teilnehmen. 1922 hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann einen Autounfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. Sie starb vier Jahre später im Alter von 66 Jahren, ihr Ehemann Frank 18 Tage nach ihr eines natürlichen Todes.

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