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Boris Godunov unter Claudio Abbado

Boris Godunow (Gesamtaufnahme)

Boris Godunow – Anatoly Kocherga (Bass)
Fjodor – Liliana Nikiteanu (Mezzosopran)
Xenia – Valentina Valente (Sopran)
Krankenschwester – Eugenia Gorokhovskaya (Alt)
Fürst Shuisky – Philip Langridge (Tenor)
Andrei Shchelkalov – Albert Shagidullin (Bariton)
Pimen – Samuel Ramey (Bass)
Grigory – Sergei Larin (Tenor)
Mnishek – Marjana Lipovsek (Mezzosopran)
Rangoni – Sergei Leiferkus (Bariton)
Varlaam – Gleb Nikolsky (Bass)
Missail – Helmut Wildhaber (Tenor)
Gastgeberin des Gasthauses – Elena Zaremba (Mezzosopran)
Simpleton – Alexander Fedin (Tenor)
Nikitich – Mikhail Krutikov (Bass)
Mityukha – Wojciech Drabowicz (Bass)
Bojar anwesend – Alexander Fedin (Tenor)
Krushchov – Wojciech Drabowicz (Bass)
Lavitsky – Wojciech Drabowicz (Bass)
Chernikovsky – Mikhail Krutikov (Bass)
Polizist – Mikhail Krutikov (Bass)
Slowakischer Philharmoniker Bratislava, Rundfunkchor Berlin, Tölzer Knabenchor
Berliner Berliner Philharmoniker/Claudio Abbado

Mussorgskys Boris Godunow basiert auf dem gleichnamigen Drama von Aleksandr Puschkin und beschreibt das kurze Regierungsgeschäft und Leben des Bojaren Godunow als Zar von 1598 bis 1605. Das Werk von Mussorgsky entstand zwischen 1868 und 1873 und hat eine ungewöhnlich wechselvolle Geschichte, denn es existieren mehrere Versionen der Oper: zunächst die Fassung von 1869 (als Urboris in die Musikgeschichte eingegangen), die allerdings nie zur Aufführung gelangte; dann existiert eine Fassung von 1972 (die man als Zwischenlösung benannt hat) und schließlich die Version von 1874.

Die Fassung von 1872, die 1874 in St. Petersburg aufgeführt wurde, kam bei vielen Kritikern zu keinem guten Ergebnis, denn man nannte die Musik unreif, grob; Peter Tschaikowsky war einer der härtesten Kritiker: Es ist die vulgärste und abscheulichste Parodie auf Musik... Kollege Rimski-Korsakow war nicht so scharf: Ich verehre und verabscheue Boris Godunow zugleich. Ich liebe ihn für seine Originalität, Kraft, Kühnheit, Einzigartigkeit und Schönheit; ich verabscheue sie wegen ihres Mangels an Feinschliff, der Rauheit ihrer Harmonien und an manchen Stellen der schieren Unbeholfenheit der Musik. Solcherlei Wertung musste dazu führen, dass Rimski-Korsakow eine eigene Bearbeitung erstellte, allerdings begann er damit erst nach Mussorgkys Tod. Aber auch Rimski-Korsakow hatte Probleme, denn es gibt eine Fassung von 1896 (die er selbst später verwarf) und die letzte von 1908, die Mussorgskys Oper zum Erfolg führte. Man muss aber konstatieren, dass Rimski-Korsakows Bearbeitung eine Glättung der Musiksprache des Komponisten gebracht hat, die zwar erfolgreich war, heute aber aber mehr und mehr abgelehnt wird.

Ich will auf weitere Versuche, beispielsweise von Shostakowitsch, nicht eingehen, sondern auf die schon lange in meinem Besitz befindliche Abbado-Aufnahme zu sprechen kommen, die ich aber bis dato noch nicht gehört habe. Mein Favorit war immer die folgende Aufnahme

Boris Godunow (Ltd)

von der EMI in Kattowitz im August 1976 aufgenommen und mit Martti Talvela als Boris, Nicolai Gedda als Grigori sowie Leonhard Mróz als Pimen prominent besetzt. Ich glaubte jedenfalls, keine weitere besitzen zu müssen – bis ich die Abbado-Aufnahme günstig nach einem Todesfall erwerben konnte.

Abbado hat, das will ich zunächst einmal festhalten, eine vollständige Aufnahme vorgelegt, die im vierten Akt sowohl die Version von 1869, als auch die 1874er-Version bietet. Diese Aufnahme entstand innerhalb von drei Wochen in der Berliner Philharmonie und hatte neben einem der wertvollsten Orchester der Welt, den Berliner Philharmonikern, eine erstklassige Solisten-Schar zur Verfügung. Dass der Chor teilweise aus Osteuropa stammte, war, so wie ich es empfand, ein Pluspunkt, weil er slawischen Tonfall beisteuerte.

Die weiblichen Solisten gefallen mir ausnahmslos gut. Valentina Valente ist die idiomatisch schöne Xenia, die man erwarten kann, Liliana Nikitanus Stimme dagegen erscheint mir in der Partie des jungen Fjodor etwas zu üppig geraten, also nicht adäquat besetzt (was der sängerischen Leistung aber nicht zum Nachteil gereicht). Eugenia Gorokhovskaya hat dagegen genau die richtige Stimme für die Amme; so vollmundig stelle ich sie mir jedenfalls in dieser Rolle auch vor. Wenn zwei weitere weibliche Stimmen jetzt erst erwähnt werden, dann geschieht das mit Absicht: Marjana Lipovsek singt und spielt hörbar die Hauptrolle der Marina, wie man es besser nicht interpretieren kann. Als Schankwirtin agiert Elena Zaremba sängerisch auf hohem Niveau, lässt aber auch keine Wünsche offen, als resolute Wirtin. Das sind also wieder zwei ausgesprochen wichtige Plus-Punkte, die für Abbados Aufnahme des Boris sprechen.

Natürlich muss man auch die männlichen Solisten gebührend erwähnen. Für mich vornweg ist Philip Langridge als schmieriger Shuisky zu nennen; obwohl Brite schafft er es, den Shuisky mit der nötigen Verschlagenheit zum Ausdruck zu bringen. Sergei Larin, gebürtiger Litauer (der viel zu jung im Alter von 51 Jahren starb) hat in der Rolle des Grigory (später auch noch als Dimitry eingesetzt) wirklich stimmliche Zeichen gesetzt, was vor allen Dingen im Liebesduett mit Marina im dritten Akt als Höhepunkt wirkte. Bei den tiefen Männerstimmen ist Sergej Leiferkus eine Luxusbesetzung für den Rangoni; seine Darstellung zeigt in voller Wucht den zwiespältigen Charakter dieses Menschen. Samuel Ramey hat mich als Pimen im ersten Akt erst einmal ratlos zurückgelassen, hat mich, als er im dritten Akt aber nochmals Szenen hat, dann mehr überzeugt.

Und die Titelpartie, Boris Godunow? Ich weiß von vielen Darstellern , die Spuren in dieser Rolle auf dem Medium Schallplatte hinterlassen haben: Schaljapin, Boris Christoff, Nicolai Ghiaurov oder auch Ivan Petrov und Nesterenko. Aber die habe ich alle nicht gehört, kenne das Urteil über sie nur aus Kritiken. Martti Talvela in dieser Rolle ist meine einzige Präferenz: er singt unter Semkow (oben erwähnt) einen tollen Boris. Seine Stimme war prädestiniert für diese Partie und der Vergleich mit Anatoly Kocherga bei Abbado ist für den Letztgenannten nicht unbedingt als schmeichelhaft zu bezeichnen. Aber das will ich nicht als Negativum gelesen wissen, denn man muss sich nicht schämen, im Vergleich mit Talvela abzufallen. Dessen Stimme (auch viel zu früh verstummt) war unvergleichlich. Kotcherga nimmt mich für seine Darstellung des Boris ein, weil er große Gesten vermeidet und eher lyrische Töne hervorbringt. Das hat vor allem in der Todesszene eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Wie er nämlich sein Góspodi! Góspodi! flüstert war für mein Empfinden zutiefst menschlich-berührend.

Und Claudio Abbado? In meiner CD-Sammlung ist er überrepräsentiert und ist insofern kein Unbekannter, was sowohl den sinfonischen als auch den Opern-Bereich einschließt. Hier erweist er sich auch als profunder Kenner der russischen Musik und das kommt diesem Boris wahrlich zugute! Müsste ich eine Empfehlung abgeben, käme Abbado auch zur Nennung – womit ich aber alle anderen oben genannten Interpreten keinesfalls abwerten will.

Gestaltung Agentur kuh vadis