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BRITTEN, Benjamin: ALBERT HERRING

Benjamin Britten (1913-1976):
ALBERT HERRING
Komische Oper in zwei Akten
Libretto von Eric John Crozier
nach Guy de Maupassants Novelle „Le rosier de Madame Husson“ von 1888.

Uraufführung am 20. Juni 1947 in Glyndebourne.

Personen der Handlung:
Lady Billows, eine autokratische ältere Dame (Sopran)
Florence Pike, ihre Haushälterin (Alt)
Miss Wordsworth, Vorsteherin der Kirchenschule (Sopran)
Mr. Gedge, Pfarrer der St.-Mary’s-Church (Bariton)
Mr. Upfold, Bürgermeister von Loxford und Metzger (Tenor)
Mr. Budd, Polizeichef (Bass)
Sid, Metzgerbursche bei Upfold (Bariton)
Nancy Waters, Bäckerstochter (Sopran)
Mrs. Herring, Besitzerin des Gemüseladens (Mezzosopran)
Albert Herring, ihr Sohn (Tenor)
Emmie, Siss und Harry, Schulkinder aus Loxford, 15, 13 und 12 Jahre alt (Soprane, wobei Britten für Harry explizit einen noch nicht mutierten Knaben verlangt)

Ort und Zeit: Fiktiver Marktflecken Loxford in East Suffolk, vom 30. April bis 2. Mai 1900.

Erster Akt.
In Lady Billows Frühstückszimmer am 30. April.
Lady Billows ist in Loxford eine Autorität, der man am besten nicht widerspricht. Ein derart ungehöriges Verhalten würde sie erstens nicht hinnehmen, zweitens hätte man im Städtchen bei den Mitbürgern einen schweren Stand.

Für diesen Morgen hat die Lady neben Pfarrer Gedge und der Schulvorsteherin Miss Wordsworth auch den Polizeichef Budd und den Bürgermeister Upfold „pünktlich halb elf“ zu sich gebeten, um sich mit der diesjährigen Wahl der Maikönigin, einer jahrelangen Tradition, zu befassen. Wie immer wird auch heute Florence Pike, der Lady Haushälterin, das Protokoll führen und vor allen Dingen die Ansichten und Wünsche ihrer Herrin exakt notieren. Wichtig zu wissen ist, dass die Maikönigin eine tugendhafte Maid aus Loxford sein muss.

Pünktlich, wie es sich gehört, sind die Herrschaften zur Stelle und man kommt auch sofort zur Sache: Es werden viele Vorschläge unterbreitet, doch die Lady und Miss Pike haben gegen jede vorgeschlagene Anwärterin etwas einzuwenden. Offensichtlich wissen sie genau über die Jungfern Loxfords Bescheid; so, wie es Lady und Haushälterin sehen, gibt es hier keine würdige junge Maid, die die Krone der Maikönigin tragen könnte. Stellt sich also die ernst gemeinte Frage, warum das Treffen überhaupt stattfindet?

Das Scheitern des Vorhabens vor Augen, tritt Polizeichef Budd mit dem Vorschlag hervor, statt einer Maikönigin heuer einen Maikönig zu wählen. Und er präsentiert sogleich einen seiner Meinung nach würdigen Kandidaten, nämlich den Sohn der Gemüsehändlerin Mrs. Herring, Albert. Der ist zwar, wie Budd zugibt, etwas naiv, aber sehr anständig und fleißig. Lady Billows möchte aber keinen Maikönig, lehnt deshalb Budds Vorschlag ab, traditionell muss es eine Maikönigin sein. Man könne ja, so wirft sie in die Runde, ein Bauernmädchen aussuchen. Das ist jedoch für Florence Pike unvorstellbar, denn die sind, ihrer Meinung nach, noch weniger geeignet, als die Mädels der Stadt. Da aber jetzt immerhin fünf der Anwesenden für Albert Herring entschieden haben, lenkt Lady Billows letzten Endes ein – Albert ist somit gewählt.

Verwandlung in den Gemüseladen von Mrs. Herring.

Sid, der Metzgergeselle, überrascht in Mrs. Herrings Laden die Schulkinder Emmy, Harry und Siss, wie sie den braven Albert hänseln, weil er immer nur der Mutter am Rockschoß hängt, weil man ihn nie draußen mit Gleichaltrigen sieht, weder Alkohol trinkt noch mit Mädchen anbandelt und schon gar nicht tanzt. Albert lässt sich nicht provozieren, er geht in die hinteren Räume des Ladens. Als die Kinder daraufhin versuchen, Äpfel zu stehlen, wird es Sid zu bunt und er jagt sie schimpfend aus dem Laden. Auf seinen Ruf hin kommt Albert mit einem schweren Sack über der Schulter zurück und Sid fragt ihn, das Thema der Kinder aufgreifend, ob er sich denn nicht mal wenigstens kleine Vergnügungen leisten will, etwa Knobeln, einen „heben“, mit Mädchen poussieren und tanzen – immer nur der Mutter im Laden helfen, kann doch nicht alles sein. Albert zuckt mit den Schultern und verneint die Frage mit dem Hinweis, dass seine „Mum“ das nicht wolle.

Da kommt Bäckerstochter Nancy zum Einkaufen und Sid, der eben noch die Kinder wegen versuchten Diebstahls verjagt hat, greift nun selber in die Pfirsichkiste und schenkt Nancy zwei von den Früchten. Dabei turtelt er heftig mit dem hübschen Mädchen und sie geht auf seinen Vorschlag, sich am Abend zu einem Rendezvous zu treffen, ein. Als die beiden sehr vergnügt den Laden verlassen haben, zeigt sich Albert über das Erlebte verwirrt und es wird deutlich, dass ihm Nancy nicht gleichgültig ist. Er überlegt sogar, ob er sich nicht von seiner Mutter – ein wenig zumindest – lösen sollte.

Weit kommt er jedoch mit Nachdenken nicht, denn in diesem Moment tritt Mrs. Pike auf und bittet Albert, seine Mutter zu rufen, sie habe mit ihr eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. Als Mrs. Herring aus dem hinteren Teil des Geschäftes kommt, erfährt sie von Florence, dass Lady Billows gleich mit Pfarrer Gedge, Miss Wordsworth, Polizeichef Budd und Bürgermeister Upford erscheinen werde, die ihr einen wichtigen Beschluss, Albert betreffend, mitzuteilen hätten. Tatsächlich erscheint das „Festkomitee“, und Lady Billows eröffnet Mrs. Herring offiziell Alberts Wahl zum Maikönig. Sie hört, dass man Albert nicht nur mit einen weißen Anzug und der Krone, sondern zusätzlich auch noch zwanzig Pfund in Gold ausstatten werde. Mrs. Herring ist erst sprachlos, dann außer sich vor Glück, gerät aber völlig aus dem Gleichgewicht, als sich Albert, nach dem Abgang des ehrenwerten Komitees, gegen die Wahl auflehnt und nicht mitmachen will. Das ist, Mrs. Herring wird deutlich, ein unmögliches Benehmen und nicht zu akzeptieren. Sie fordert von ihrem Sohn ultimativ, die Wahl anzunehmen. Albert ziert sich, gibt aber letztlich widerstrebend nach.

Zweiter Akt.
Das Innere des Festzeltes am 1. Mai.
Hier werden gerade die letzten Vorbereitungen für das Maifest getroffen: Hilfreiche Hände tragen Leckerbissen auf, Krüge mit Getränken werden auf den Tischen verteilt, Teller, Bestecke und Gläser bereit gestellt. Derweil probt Miss Wordsworth mit dem Kinderchor den Festgesang und Sid schüttet, man darf das hinterhältig nennen, in aller Heimlichkeit eine gehörige Portion Rum in die für den Maikönig bestimmte Limonade.

Da erscheinen auch schon die Festgäste, nehmen Platz und der Kinderchor trägt unter der tatkräftigen Leitung von Miss Wordsworth die Festhymne vor. Danach wird Albert von Lady Billows und anderen Rednern überschwänglich gelobt, mit Geschenken bedacht und schließlich gekrönt. Albert ist sehr verlegen und kann nur leise „Vielen Dank“ murmeln. Als dann alle ihre Gläser erheben und auf sein Wohl trinken, nimmt Albert aufgeregt sein Limonadenglas und leert es in einem Zug – worauf er, zur Belustigung aller Anwesenden, ein Schluckauf bekommt. Lady Billows gebietet Ruhe, bittet die Gäste, sich zu setzen, und wünscht allen „Guten Appetit“ – das Festmahl kann beginnen…

Verwandlung in den Gemüseladen, wie im zweiten Bild.

Maikönig Albert kommt (sagen wir vorsichtig: angeheitert) spät abends nach Hause. Vor dem großen Ladenfenster stehend sieht er, wie sich Nancy und Sid leidenschaftlich küssen und sich dann (zu ihrem Stelldichein, nimmt er an) durch den hinteren Teil des Geschäftes verdrücken. Das geht ihm doch ans Gemüt: Er erinnert sich an die Volksweisheit, die weiß, dass man sich selbst helfen muss, wenn der Himmel helfen soll. Albert zieht das gewichtige Goldstück aus seiner Tasche, und sagt sich: Kopf ist „Ja“ und Zahl ist „Nein“- und die Münze fällt mit dem Kopf nach oben zu Boden. Die Entscheidung ist eindeutig: Albert nimmt sich Hut und Mantel und begibt sich mit dem 25-Pfund-Goldstück in der Tasche in die Stadt. Die heimkehrende Mrs. Herring, die sich vom Festzelt aus noch kurz zu ihrer Schwester begeben hatte, vermutet Albert längst in seinem Bett schlafend, und geht auch zu Bett.

Dritter Akt.
Gleiches Bühnenbild, am 2. Mai.
Aufregung der schlimmsten Art in Loxford: Am Nachmittag ist Albert noch nicht wieder aufgetaucht. Nancy und Sid machen sich (aus schlechtem Gewissen?) Sorgen: Ob der Rum, den Sid in Alberts Limonade geschüttet hat, mit seinem Verschwinden zu tun hat? Jetzt spricht man sich für eine großangelegte Suchaktion aus: Sid hat bereits den Dorfteich bis auf den Grund abgesucht, aber Albert dort nicht gefunden. Leichtes Aufatmen bei allen Anwesenden. Nancy aber kommt mit Mrs. Herring, die bereits Trauerkleidung angelegt hat und damit zeigt, dass sie ihren Sohn für tot hält. Die Klage wird laut: „Mittendrin im Leben droht uns auf Schritt und Tritt der Tod.“ Sie hat aber auch ein Kinderbild von Albert in der Hand, dass sie Mr. Budd übergibt (der darob ein ungläubiges Gesicht macht, kennt er doch Albert genau); Lady Billows begrüßt einen ihr bekannten Inspektor von Scotland Yard, der auf ihre Bitte hin sofort gekommen ist, um seine Erfahrungen in den mysteriösen Fall einzubringen. In diesem Moment findet man am Weg nach Campsey-Ash Alberts verschmutzte Krone. Das ist kein gutes Omen und die Klagen der Leute werden immer lauter.

Das große Wehklagen hört plötzlich auf, als zur Überraschung aller mit zerzaustem Haar und völlig ramponierter Kleidung Albert auf die Szene kommt. Nach einer verständlichen Schrecksekunde wird er sofort von Lady Billows einem gestrengen Verhör unterzogen: Der so in die Zange Genommene ist aber überhaupt nicht zerknirscht! Er gibt freimütig zu, dass er sein Zwanzig-Pfund-Goldstück in einer Bar versoffen und den Rausch im Rinnstein ausgeschlafen hat. Lady Billows verliert ihre Contenance – und rauscht mit ihrer gesamten Entourage, der sich auch Alberts Mutter in gleicher Empörung anschließt, aus dem Laden. Es fällt nicht schwer, sich die auf der Straße fortsetzende Entrüstung über das Geschehene, gepaart mit großer Enttäuschung, vorzustellen.

Im Laden stehen nur noch Sid und Nancy neben Albert; während sie ihm einen kräftigen Kuss gibt, drückt Sid Albert gratulierend die Hand: Endlich hat er sich von seiner Mutter „abgenabelt“- er ist in der Welt der Erwachsenen angekommen. Hier könnte die Oper zu Ende sein, doch die Autoren fügen noch eine kleine Szene an: Als Albert das große Rollo des Ladenfensters hoch zieht, kommen Emmy, Siss und Harry und geben wieder das gut bekannte Spottlied zum Besten. Doch Albert bleibt nicht nur ruhig, er lacht sogar mit und beschenkt die Kinder reichlich mit Obst. Sid setzt Albert die ramponierte Krone wieder auf, die der (so eine Regie-Idee) aber in den Zuschauerraum wirft…

Anmerkungen:
Benjamin Britten gründete im Oktober 1946 mit Unterstützung von Freunden eine eigene Operntruppe, die „English Opera Group“. Um ihr einen guten Start zu geben, musste eine neue Oper her. Britten schlug seinem Librettisten Eric Crozier die Novelle „Der Rosenstock der Madame Husson“ von Guy de Maupassant vor, weil die Handlung ohne Probleme aus der Normandie nach England verlegt werden konnte – für eine Satire über puritanische Sitten in England ein wichtiges Detail. Erzählt wird die Geschichte von dreizehn Vokalisten (einschließlich der Kinderpartien) und nur zwölf Instrumentalisten – eine Kammeroper von meisterhafter Faktur.

Gegenüber Maupassants Original sind einige Änderungen festzustellen, die in erster Linie das Geschehen nach der „Krönung“ des Maikönigs betreffen: Während bei dem Franzosen aus dem zunächst tugendhaften Isidor nach einem acht Tage anhaltenden Besäufnis ein Alkoholiker wird, der schließlich an Delirium tremens stirbt, ist Albert eine wesentlich harmlosere Figur. Sicher ist er so betrunken, dass er seinen Rausch in einem Rinnstein ausschläft, aber ist es nur ein einmaliger Ausrutscher. Der ohne sein Wollen zum Helden gemachte Albert gewinnt letztlich, weil er sich gegen die Gesellschaft auflehnt. Er ist, wenn auch unter vollkommen anderen Vorzeichen, ein Außenseiter wie Peter Grimes.

Mit voller Absicht karikiert sind die Protagonisten Lady Billows und ihr Festkomitee, aber auch Alberts Mutter, und Britten versteht es, die Figuren musikalisch treffend zu „malen“. Dazu passt der „Konversationsstil“, der sich mitunter zu Ensembles vom Duett bis zum Nonett entwickelt. Sicher ist der neunstimmige Klagechor im dritten Akt der Höhepunkt der Komödie, insgesamt gilt es jedoch festzuhalten, dass der durchsichtige Orchestersatz des von Britten als Kammerspiel angelegten Werkes ein wichtiges Merkmal darstellt. Und wer richtig hinhört, kann bei Alberts Zug aus der Rumlimonade das „Tristan-Motiv“ nicht überhören.

Die Regie bei der Uraufführung in Glyndebourne lag in den Händen von Frederick Ashton, Britten dirigierte selbst, und Peter Pears sang die Titelpartie. Die erste deutschsprachige Aufführung fand am 11. Januar 1950 in Hannover-Herrenhausen statt, die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Fritz Schröder.

© Manfred Rückert

Von Brittens komischer Oper habe ich beim Versender jpc die folgenden Aufnahmen

Benjamin Britten (1913-1976): Albert Herring, 2 CDs

Benjamin Britten (1913-1976): Albert Herring, 2 CDs

 

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