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HAYDN, Johann Michael: ANDROMEDA UND PERSEUS

Johann Michael Haydn (1737-1806):
ANDROMEDA UND PERSEUS

Dramma per musica in zwei Akten
Libretto von Giambattista Varesco
nach Pierre Corneilles Androméde und Ovids Metamorphosen
Originalsprache: Italienisch

Uraufführung am 14. März 1787 im Hoftheater Salzburg anlässlich des 15. Jahrestages der Regentschaft von Erzbischof Hieronymus Colloredo

Personen der Handlung:
Andromeda, Tochter von Cepheus, Prinzessin von Aithopia (Sopran)
Perseo/Perseus, Sohn des Zeus und der Danae (Sopran)
Fineo/Phineus (Tenor)
Cefeo/Cepheus, Andromedas Vater, König von Aithopia (Bass)
Chor: Wachen, Äthiopisches Volk

Erster Akt.
Das Bühnenbild zeigt einen Küstenstreifen mit einem hoch aufragenden Felsen. Ein Sturm tobt.

Man muss die Vorgeschichte kennen, um Haydns Oper zu verstehen: Cassiopeia, schöne, aber eitle Ehefrau des Königs Cepheus von Aithiopia, hat die Nereiden, Töchter des Nereus, beleidigt. Sie hat behauptet, ihre Tochter Andromeda sei schöner als alle Nereiden. Das konnten und wollten die sich nicht gefallen lassen und stachelten den Meeresgott Poseidon an, nicht nur Andromeda, sondern gleich das ganze Land Aithiopia zu bestrafen. Poseidon willfahrte den Wünschen der Nereiden, sorgte folglich im Land Aithiopia für regelmäßige Überschwemmungen und ließ noch zusätzlich ein Meeresungeheuer los, das an der Küste für Furcht und Schrecken sorgte. Und für die Bewohner des so gestraften Landes hieß es, die Götter hätten bestimmt, dass eine Befreiung von Plagen nur gegen die Opferung der Andromeda möglich sei. Folglich wurde Andromeda an einen Felsen gekettet und jenem Meeresungeheuer ausgeliefert. Der Held Perseus kommt nun mit einem Schiff vorbei, wird von der Schönheit Andromedas abgelenkt und kommt vom Kurs ab. Hier beginnt die Oper:

Ein an der Küste tobender Sturm zwingt Andromeda, die Klagen über ihr Schicksal laut dem Publikum entgegen zu schreien. Momentan ist sie sogar noch in der Verfassung, Poseidon und die Nereiden zu verfluchen. Nach ihrem Fluchgesang wird ihr jedoch ganz anders, denn ein Meeresungeheuer nähert sich mit weit aufgerissenem Maul, um sich diesen schönen Körper einzuverleiben. Der Zuschauer im Theater hat allerdings den Eindruck, dass jenes Ungeheuer noch nicht die richtige Position für das Mahl gefunden hat. Hat es Angst, sein Gebiss an den Ketten zu verletzen? Das Problem soll nicht weiter vertieft werden, denn jetzt ist Andromedas Geschrei aus einem anderen Grund auffällig: sie bittet die Götter um Hilfe gegen das Meeresungeheuer, wobei die Frage auftaucht, ob von dort Hilfe kommen kann, denn jene Götter haben die Lage der Andromeda ja veranlasst.

Es sind Vater Cepheus und sein zukünftiger Schwiegersohn Phineus, die sich in die ohne Zweifel grausame Szenerie kommentierend einmischen, ohne irgendwelche substantielle Hilfe leisten zu können. Während das Ungeheuer Wege sucht, die hübsche Schöne zu verspeisen, ist König Cepheus in eine Ohnmacht gefallen und das Volk der Aithiopier stimmt Klagegesänge an.

In einer neuen Szene hat der Held Perseus seinen Auftritt, während das Meeresungeheuer in die Pause gehen muss. Dem Komponisten ist für den Helden eine gegensätzliche Musik eingefallen, mit der er das Schiff verlässt und auf die Szene kommt. Dem barocken Stil gemäß ist sie prunkvoll gestaltet, wie es sich für den Auftritt eines Helden eben gehört. Der bald als Bräutigam der Andromeda abservierte Phineus rätselt gerade, was er jetzt mit den Ankömmlingen tun soll, aber die wieder zu sich gekommene Majestät erkennt die Situation und heißt die fremden Besucher und seine Begleiter willkommen. Die erfahren aus dem königlichem Mund, was sich die Nereiden mit der Hilfe Poseidons „geleistet“ haben: dass die schöne Andromeda den Hauptgang für das Meerungeheuer bilden soll. Das ist für Perseus sofort ein Grund zum Einschreiten, denn er kann sich für die junge Schöne viel Besseres vorstellen – beispielsweise sie nach ihrer Errettung vor dem Scheusal ins Brautbett tragen und für Nachkommen sorgen. Das kommt zwar nicht direkt über seine Lippen, aber Volk und Majestät wissen, was der Held beabsichtigt und dementsprechend fällt die Reaktion auch aus: Lobeshymnen werden angestimmt. Wobei übrigens wohl keiner sich darüber Gedanken macht, wie Perseus jenes Scheusal besiegen kann. Aber dem Sohn des Zeus und der Danae gelingt das Menschen-Unmögliche – Andromeda ist gerettet.

Man darf sich nicht wundern, dass dieser Coup dem Phineus nicht gefällt, denn er sieht nun seine Ambitionen auf den Königsthron als gefährdet an, wenn Andromedas Vater Cepheus eines Tages dahinscheiden sollte. Seine Reaktion versteht das Publikum allerdings nicht: Er sucht das Weite und lässt die Zuschauer fragend zurück. Verständlich ist dagegen Cepheus’ Reaktion: Er schließt seine, von einigen Kratzern abgesehen, unverletzt gebliebene Tochter in die Arme, was dem Volk Tränen in die Augen treibt. Für den Helden ist hier, wie wir sehen können, zu viel Emotion im Spiel; der stets nüchtern wirkende Perseus möchte, dass die Befreite ihrem Lebensretter einmal etwas näher kommt.

Die Schöne hat es aber nicht so mit Perseus, sondern muss gerade an ihre Bräutigam denken (und sagt es laut) – der ist nämlich nirgends zu sehen. Seine Majestät Cepheus weiß näheres: er ist im Palast und kümmert sich um das Hochzeits-Essen. Perseus und der König begeben sich genau dahin und der Held erkundigt sich vorsichtshalber bei Cepheus, ob es denn bei der geheimen Absprache bleibt, doch der Herrscher ist sich, wie das Publikum den Eindruck hat, wohl nicht so ganz sicher, er bejaht die Frage zwar, wirkt jedoch dabei wie abwesend.

Szenenwechsel: Hier bekommt Phineus, der Bräutigam, einen kleinen Auftritt. Der ist, genau genommen, ein Klagegesang über den Verlust seiner Braut, lässt aber zum Ende seines Gesangs Hoffnung auf ein gutes Ende seiner Probleme erkennen, denn sein Fazit in seinem Solo lautet: Gott Amor weiß es auf jeden Fall!

Neue Szene: Königliche Gemächer. Andromeda hat Probleme mit dem bisher Erlebten (was man als Beobachter durchaus verstehen kann): Erst ein furchteinflößendes Monster, dann ein besitzergreifender Perseus. Unschlüssig registriert sie Selbstzweifel und kommentiert das in der berühmten Szene eindringlich. Als ihr Vater mit Perseus hinzukommt und der Held ihr höfisch anmutende Schmeicheleien mit einem Liebesgeständnis abliefert, ist sie zwar geschmeichelt, kann sich aber gleichzeitig nicht vorstellen, dass Vater Cepheus die vor langer Zeit getroffene Vereinbarung mit Phineus als ihrem Zukünftigen kippt. Sie lässt die beiden Männer allein auf der Szene zurück und begibt sich ohne weiteren Kommentar in ihr Zimmer.

Cepheus ist allerdings in einer schwierigen Situation: einerseits beklagt er, dass er Perseus seine Tochter versprochen hat, weil er damit Phineus ins Abseits stellte, andererseits erkennt er an, dass er, wie sein ganzes Haus, Perseus zu Dank verpflichtet ist, da nur durch sein Eingreifen Andromeda gerettet wurde. Perseus hat natürlich sofort seine bevorzugte Stellung in diesem Spiel erkannt und fragt scheinheilig, was Phineus denn für die Rettung der Prinzessin getan hat. Die Antwort gibt ihm der König, als in diesem Moment Andromeda wieder auf die Szene tritt und ihr Perseus als den neuen Gatten vorstellt. Erstaunt muss das Publikum registrieren, dass Andromeda ihrem Vater um den Hals fällt und damit ihr Einverständnis mit der aktuellen Lage bekundet. Sie bekräftigt das sogar mit einem Liebesgeständnis zu Perseus. Interessant ist, dass Cepheus sich verabschiedet als er Phineus kommen sieht, und es Andromeda überlässt, ihren abservierten Bräutigam zu informieren und zu trösten.

So ängstlich Cepheus auch ist, seine Vorstellung über die Bereinigung der Liebeslage seiner Tochter ist mit der Realität nicht kompatibel. Phineus zeigt sich nämlich uneinsichtig über seine Ausbootung und er lässt erkennen, dass er keinesfalls bereit ist, auf Andromeda zu verzichten. Der erste Akt endet folglich mit einen Terzett, dass den Streit deutlich macht, denn Phineus will das, was ihm zusteht, auch haben und kündigt schon mal Trubbel an…

Zweiter Akt.
Bankettsaal im königlichen Schloss.

Der Vorhang gibt, nachdem er sich geöffnet hat, den Blick in den Festsaal des königlichen Schlosses frei. Man sieht, dass eine Festivität ansteht, denn die Dekoration lässt diesen Schluss zu. Der zweite Akt beginnt mit einem Gespräch zwischen seiner Majestät, dem König, und dem (bisherigen) Bräutigam seiner Tochter Andromeda, Phineus. Dem ebenfalls anwesenden Perseus ist das Gespräch unangenehm, er verlässt den Ballsaal um nicht des Königs Entscheidung über ihn als neuen Bräutigam der Andromeda kommentieren zu müssen.

Es ist Phineus, der zunächst seinen Unmut über seine Ausbootung als Bräutigam zum Ausdruck bringt. Cepheus bleibt, zumindest äußerlich, ruhig, bezichtigt aber Phineus der Untätigkeit bezüglich der Errettung Andromedas. Und diese Aussage empfindet Phineus als eine ungeheuerliche Anklage, denn der König weiß ganz bestimmt, dass ihm als einem Menschen der Kampf gegen göttliche Bestimmungen nicht möglich ist. Er schwört aber im gleichen Atemzuge, dass er mit seinem Schwert Perseus den Garaus machen wird. Er ist jedenfalls nicht bereit, als Versager in der Öffentlichkeit zu gelten. Seine Ankündigung, er werde trotz aller Widrigkeiten Andromeda heiraten, wirkt wie die Aussage eines trotzigen Kindes. Nach diesen Worten reagiert der König ärgerlich; er ruft seine Wache herbei und lässt Phineus in Gewahrsam nehmen.

Das ist nun das Zeichen, dass die Hochzeitsfeierlichkeiten beginnen können. Aber Phineus will partout nicht mitspielen: ihm gelingt es, sich aus den Fängen der königlichen Wache zu befreien und in den Bankettsaal zu eilen, um Rache an Perseus zu nehmen. Das geht nun aber auch nicht so einfach, wie es sich Phineus vorgestellt hat, denn auch hier wird zunächst einmal mit groben Bandagen gekämpft. Normalerweise müsste Abbate Varesco, der Librettist dieser Oper, würde er sich an die originale Version gehalten haben, dem Helden Perseus die Worte „Wer mein Freund ist, wende seinen Kopf ab“ (natürlich in Griechisch) in den Mund legen, dann würde er aus einem Sack den Kopf der Medusa hervorholen und alle, die diesen Kopf ansehen, würden zu Stein erstarren. Genau das konnte Varesco in einer Huldigungsoper dem Fürsterzbischof Graf Colloredo unmöglich zumuten, weshalb er den Schluss des Dramas in ein freundlicheres Bild setzte. Und dieses Ende geht so: Phinius und Perseus stehen sich mit ihren gezogenen Schwertern gegenüber und der Halbgott findet keine besseren Worte wie die folgenden: „Ob du mich nun tötest oder ob ich überlebe, ich vergebe dir“. Wenn das auch mit der Überlieferung der griechischen Mythologie nicht übereinstimmt und der intelligente geistliche und weltliche Herrscher über Salzburg das sicherlich auch wusste, so wird er an dieser Stelle mehr oder weniger augenzwinkernd das banale Ende beklatscht haben. Wobei sicherlich die musikalische Ausführung im Vordergrund stand…

© Manfred Rückert

Gestaltung Agentur kuh vadis