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HENZE, Hans Werner: EIN LANDARZT

Hans Werner Henze (1926-2012):
EIN LANDARZT
Funkoper nach Franz Kafkas Erzählung aus dem Jahr 1951
Bühnenfassung vom Komponisten aus dem Jahr 1964.

Uraufführung als Funkoper am 29. November 1951 im NWDR Hamburg,
Erstaufführung der Bühnenversion am 27. Mai 1953
am Opernhaus in Köln.

Anmerkung.
Kafkas Erzählung vereinigt die psychoanalytisch prädisponierte und sich in surreale Bilder kleidende Traumwelt der Romantik mit den starken Bildern des Expressionismus – und sie besitzt einen grausamen, voyeuristischen Reiz, für den Jugendliche im Allgemeinen oft anfällig sind. Trotzdem mag es überraschen, dass dieses „Resümee“ eines alten Landarztes, der sein Scheitern eingesteht, einen 25 Jahre alten Komponisten anspricht.

Franz Kafkas Erzählung ist ein seltsames Stück Traumliteratur: Ein Arzt wird im Winter zu einem Schwerkranken gerufen. Wie von Zauberhand wird ihm von einem triebhaften Pferdeknecht ein Gespann präsentiert, das ihn eilig durch ein Schneegestöber trägt. Der Schwerkranke ist ein Junge. Die Krankheit, eine bereits von Würmern besiedelte Wunde an der Hüfte, entdeckt der Arzt erst beim zweiten Hinschauen. Der Arzt wird von der Familie entkleidet und zum Kranken ins Bett gelegt, damit er ihn heile. Der Arzt sinnt auf Rettung und flieht nackt mit dieser seltsamen Kutsche. Aber das Ende lässt offen, ob er jemals nach Hause kommen wird. Das Resümee des Arztes lautet: „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals wieder gutzumachen.“

Henze hat sich mit der Figur identifiziert, mit seinem Leiden und Scheitern. Er fühlte sich aber auch direkt von Kafkas Text angesprochen, den er übrigens wortwörtlich vertonte, fand darin möglicherweise Parallelen zu seiner eigenen „Leidens-Biographie“ (etwa bezogen auf seine Homosexualität und schwierigen Vaterbeziehung), verklausuliert in der düsteren Traummetaphorik Kafkascher Herkunft.

Die zentrale Stelle des Monodrams bildet die Beschreibung einer Wunde durch den Landarzt. Henze hat diesen Abschnitt mit Orgelklängen (laut Hans-Werner-Henze-Stiftung ist das allerdings ad libitum zu sehen) unterlegt. Auf diese Wundbeschau bewegt sich die Handlung zu, von dieser Wundbeschau entfernt sie sich wieder. Die Wunde ist nicht nur rein körperlich zu verstehen, sondern hat womöglich sakrale Bedeutung. Sie könnte Amfortasqualen mit einschließen oder gar das Leiden Jesu Christi. Henze scheint mit solchen Querverweisen zu spielen, schmeicheln sie doch dem Landarzt (und der Leiderfahrung des Komponisten), der dann zu einem ganz besonderen Fall gerufen sein würde, der Knabe in seiner Bedeutungsschwere weit über den dörflichen Rahmen hinausgehoben. Aber der Landarzt ist gegenüber dieser Wunde hilflos und wird keine Heilung bringen. Er sieht sich in Henzes Vokalwerk ohnehin die meiste Zeit mit einem hintergründig lauernden, oft aufbegehrenden Orchester konfrontiert, dessen kleinteilig ausgeführten Attacken er nur sein stark deklamatorisch eingesetztes Wort entgegenzustellen vermag (und Henze hat bei der Komposition auf eine hohe Textverständlichkeit geachtet). Muss sich das Ich des Landarztes nicht mittels seiner Sprache gegen sein eigenes, stark solistisch orchestriertes Unterbewusstsein behaupten? Sobald dieses Ich verstummt, verliert es den Fokus der Selbstbestimmtheit, wird es davon geritten wie sein Körper mit dieser ominösen Kutsche, wird es von traumatischen Erinnerungen überwuchert, von Bläserklängen und flirrenden Streichern. Und so verstummt der Landarzt, nach dem er sein bereits zitiertes Resümee gezogen hat, und entschwindet auf ein düsteres Pianissimo gebettet im Nirgendwo einer kalten, schneeflockendurchwirbelten Winternacht.

Henze hat den „Landarzt“, den er, wie er selbst sagte, unter dem Einfluss der Musik Schönbergs komponiert hat, später zu einer einaktigen Oper, aber auch zu einem Monodram umgearbeitet. Die Monodram-Fassung wurde von Henze 1964 erstellt und 1965 mit Dietrich Fischer-Dieskau als Landarzt uraufgeführt. In der konzertanten Aufführung im Brahmssaal des Wiener Musikvereins hat sich Adrian Eröd dieser Partie angenommen.

 

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