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MAYR, Johann Simon (Giovanni Simone): FEDRA

Johann Simon (Giovanni Simone) Mayr (1763-1845)
F E D R A
Melodramma serio in zwei Akten

Libretto von Luigi Romanelli nach Phèdre von Racine
Originalsprache: Italienisch.

Uraufführung am 26. Dezember 1820 im Teatro alla Scala in Mailand.

Personen der Handlung:
Fedra (Phaidra), Tochter von Minosse und zweite Gattin von Tesèo (Sopran)
Tesèo (Theseus), Vater von Ippolito (Tenor)
Ippolito (Hippolytos), Sohn von Antiope, Königin der Amazonen (Hosenrolle)
Teramene, Freund von Ippolito (Bass)
Atide, eine Vertraute von Fedra (Sopran)
Filocle, ein Gefolgsmann von Tesèo (Tenor)
Chor: Krieger im Gefolge von Tesèo und Ippolito, Wachen, Volk
Statisten: Krieger im Gefolge Tesèos und Ippolitos, Jungfrauen im Gefolge Fedras, Volk.

Ort und Zeit: Troizen* und Umgebung zu mythischer Zeit.

Erster Akt.

Der König von Troizen, Theseus (Tesèo), ist vor längerer Zeit zu einem Kriegseinsatz aufgebrochen und im eigenen Land weiß man nicht, was aus diesem Einsatz geworden ist. Wir aber, als Zuschauer, wir wissen, dass Tesèo seinen Freund Pirithous aus einer unglücklichen Gefangenschaft befreien will. Die Ungewissheit im Volk von Troizen führt zu Beginn dieses Aktes jenes Volk dazu, einen Klagegesang anzustimmen. Es ist dann der Berater des Königs, Teramene, der die für das Volk erschütternde Nachricht überbringt, dass Tesèo in die Hände des Feindes geraten sei.

Tesèos Frau, Fedra, gehört auch zu denen, die aus Verzweiflung über das Unglück, das über sie hereingebrochen ist, klagt. Aber sie bildet sich auch ein, zu wissen, warum sie in dieser Lage ist; sie erinnert sich nämlich daran, dass sie (und ihr weiblichen Vorfahren) von der Göttin Aphrodite verflucht wurden. Alle Versuche, diesen Fluch zu beseitigen, sind gescheitert. Hinzu kommt, dass Aphrodite sie, Fedra, mit dem Begehren nach Hippolytos (Ippolito) geschlagen hat, ausgerechnet ihren Stiefsohn und Frauenfeind sowie Anhänger der Jagdgöttin Artemis. Der engen Vertrauten Atide, die ihr einzig treu geblieben ist, offenbart Fedra ihre Seelennot.

Ippolito, Spross aus der Verbindung von Antiope mit Tesèo, kennt nur ein Verlangen, nämlich das, den Vater aus der Gefangenschaft zu befreien. In das Hochgefühl, etwas für den Vater tun zu können, mischt sich allerdings ein Wermutstropfen: er muss sich dann für eine gewisse Zeit von seiner großen Liebe Aricia, der letzten aus dem Geschlecht der Pallantiden**, trennen. Und dieses Geschlecht ist mit Tesèo verfeindet und trachtet ihm nach dem Leben. Nun ist die Lage so, dass, noch ehe Ippolito dem Vater zu Hilfe kommen kann, von dessen Vertrautem Philokles die Nachricht vom Ableben des Königs überbracht wird. Hinzu kommt, dass Ippolito seine Stiefmutter hasst, weil sie so grundverschieden zu seiner leiblichen Mutter ist. Antiope war die Königin der Amazonen und stand mit ihrem Volk gegen Theseus, wurde von dem aber besiegt und gefangen genommen. Später kam es zu einer Liebschaft mit Tesèo und zu einer Eheschließung. Antiope starb, als sie mit Tesèo gegen die Athener einen Rachefeldzug führte.

Fedra, über die Nachricht von Tesèos Tod informiert, gesteht Ippolito aus Verzweiflung ihre leidenschaftliche und zugleich auch bedingungslose Liebe. Und sie gibt an, dass sie sich immer dagegen gewehrt hat, aber gegen Eros Einflussnahme nichts unternehmen kann. Das Geständnis bringt Ippolito in Rage und Fedra ist schließlich soweit, dass sie ihren Stiefsohn in ihrer Verzweiflung bittet, sie zu töten. Für Ippolito ist das wie ein Befehl; als er aber zum Schwertstreich ausholt, erscheint Atide und rettet Fedra vor dem tödlichen Schlag.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass Tesèo lebt – ein Gott soll ihn gerettet haben. Der Jubel, der jetzt im Volk ausbricht, ist verständlich, aber in seiner Familie – Frau und Stiefsohn – ist Zurückhaltung angesagt.

Als sei das alles noch nicht genug des Wahnsinns ereignet sich eine Naturkatastrophe, die beim Volk eine Panik auslöst und von Tesèo als ein schreckliches Götterurteil angesehen wird.

(*Troizen, auch Trözēn, war eine Stadt im antiken Griechenland. Sie liegt nordwestlich des heutigen Ortes Trizina an der Nordküste der Argolis in der Nähe der Halbinsel Methana. Troizen galt als Geburtsort des attischen Heros Theseus.)
(**In der griechischen Mythologie waren die Pallantidae [wörtlich: Söhne von Pallas] die fünfzig Söhne von Pallas, dem jüngeren Bruder des Ägaeus, König von Athen.)

Zweiter Akt.

Tesèo hat Schwierigkeiten, das Verhalten seiner Familie richtig zu deuten und reagiert mit Misstrauen. Schwierigkeiten hat auch Ippolito, der sich zwar seinem Vater anvertrauen will, sich aber nicht traut, weil er wegen Aricia Schuldgefühle hat.

Fedras Vertraute Atide hat das Problem, zu wissen, welcher Gefahr Fedra ausgesetzt ist, sollte Tesèo erfahren, dass seine Gemahlin ihren Stiefsohn liebt. Wenn der König das hören sollte, kann es nur durch Ippolito geschehen, was verhindert werden muss.

Um auf Tesèo zurückzukommen: der König hat Vermutungen und die gehen in eine ganz bestimmte Richtung – eine Klärung ist nur möglich, wenn er mit Fedra ein Gespräch führt. Als es zu dieser Aussprache kommt, ist Fedra einerseits vollkommen ruhig, weil sie den Eindruck hat, dass ihr Gemahl (noch) nichts von ihrer durch Eros geschürten Liebe zu dem Stiefsohn Ippolito weiß. Andererseits gerät sie in einen seelischen Taumel, weil Tesèo glaubt, seine Gattin habe mit Ippolito unberechtigterweise um den einige Zeit vakanten Thron gekämpft.

Den seelischen Druck, den Fedra verspürt, empfindet nun auch Tesèo, denn er fühlt sich als König verpflichtet, die Wahl zwischen seiner Gattin und seinem Sohn zu treffen. Diese Entscheidung fällt – kein Wunder – zugunsten von Ippolito aus (was an die Weisheit denken lässt, dass nämlich Blut dicker ist als Wasser).

An dieser Stelle der Gemengelage kommt Atide ins fiese Spiel: sie versteht es nämlich, dem König zu suggerieren, Ippolito habe sich töten wollen, weil sich seine Stiefmutter ihm nicht hingeben wollte. Diese bösartige Verleumdung kann Ippolito vor seinem Vater nicht entkräften. Selbst das Geständnis seiner Liebe zu der von Tesèo verhassten Aricia bringt im kein Bonus-Punkt ein – der König fühlt sich von seinem Sohn nun doppelt hintergangen. Die Lösung des Problems besteht darin, dass er, Ippolito, eine Schuld bekennt, damit er von der anderen befreit wird. Doch allen Treueschwüren zum Trotz lässt sich Tesèo von seinem Sohn nicht überzeugen; er verdammt ihn nicht nur, er spricht sogar das Todesurteil aus.

Fedras Vertraute Atida muss einen Schicksalsschlag verkraften, denn die Herrin hat sie verstoßen; und das findet sie mehr als ungerecht. Hat sie sich nicht immer für Fedra eingesetzt? Hat sie ihr nicht auch stets gute Ratschläge gegeben? Atide kann sich das Verhalten von Fedra nicht rational erklären – sie nimmt sich das Leben, weil es für die zu unbedeutend geworden ist.

Dem König sind inzwischen Zweifel an seinem Urteil über seinen Sohn gekommen; er hat nach längerem Überlegen beschlossen, Ippolito zu begnadigen. Doch plötzlich dringen Stimmen des Volkes an sein Ohr, wonach ein Stier den Meeresfluten entstiegen ist und ein ohrenbetäubendes Geschrei begonnen hat. Dadurch sind die Pferde von Ippolito durchgegangen und Tesèo eilt unter Flüchen nach draußen, um seinem Sohn zu helfen.

An andrer Stelle wird Fedra sichtbar, die ein langsam wirkendes Gift genommen hat, wodurch der Weg zu dem toten Ippolito für sie zu einem qualvollen Gang wird. Auch ihr Gemahl erscheint und sofort beschuldigen sich beide, am Tod von Ippolito schuldig zu sein. Nur: Tesèo hat ein letztes Mal den Mut, seine Gattin zu erniedrigen, denn er berichtet ihr mit einem gewissen Vergnügen in der Stimme, dass sein Sohn sich unsterblich in Aricia verliebt hat. Ob Fedra den Sinn dieser Nachricht noch mitbekommen hat, bleibt im Ungewissen, denn sie fällt plötzlich hin und wird von den Männern verflucht und sogar geschändet. Nur die Frauen finden mitleidige Worte und bitten die Götter, der verstorbenen Unglücklichen beizustehen.

Tesèo aber bleibt nichts anderes übrig, als mit seiner Schuld zu leben…

© Manfred

Gestaltung Agentur kuh vadis