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Troubadour-Forum für die Freunde der Oper, des Gesangs und der Klaviermusik

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Neue Oper: "Dora" von Bernhard Lang

Anfang März 2024 ist an der Staatsoper Stuttgart Bernhard Langs neue, etwas über 1,5 Stunden lange Oper „Dora“ mit immensem Erfolg aus der Taufe gehoben worden. Das Libretto, das eine Anspielung auf historische und mythologische Stoffe darstellt, stammt von Frank Witzel. Hier stellt sich zuerst einmal die Frage, wer diese Dora eigentlich ist: Nun, das ist nicht allzu schwer zu beantworten: Meiner Ansicht nach stellt Dora eine Art weiblichen Faust dar, der getrieben ist von einer gänzlich perspektiv- und ziellosen Suche. Sie ist eine nach dem Sinn des Lebens suchende Frau von 25 Jahren ohne tiefschürfende Optionen, die sich aus ihrer verhassten kleinbürgerlichen und von innerer Leere und Gleichgültigkeit geprägten Umwelt sowie der langweiligen Familie heraussehnt und aus dieser Intention heraus zu guter Letzt den Teufel anruft. Als dieser schließlich tatsächlich erscheint, erkennt sie den als modernen Beamten in schwarzem Anzug und mit Aktentasche auftretenden Herrn der Hölle nicht. Durch diese Kostümierung rutscht der Satan nicht in ein traditionelles Klischee ab, sondern wird auch für unsere Gegenwart glaubhaft. Er ist eine fiktive Figur, ein religiöses Überbleibsel aus einer Welt, die der Feministin Dora fremd ist (So der Dramaturg der Stuttgarter Oper Miron Hakenbeck). Im letzten Akt erscheint der Teufel in Gustaf Gründgens‘ Mephisto-Kostüm und wird nun von Dora endlich als solcher erkannt. Hier wie da vermag er Dora, deren Lebensperspektiven gänzlich gescheitert sind, aber nicht zu geben. Er befindet sich in einer ausgemachten Identitätskrise. Die Menschen nehmen ihn nicht mehr wahr, weswegen er seine Funktion eingebüßt hat. Das hindert ihn allerdings nicht, böse Handlungen vorzunehmen. So treibt er durch Verleumdungen den in Dora unglücklich verliebten Landratsamt-Sekretär Berthold in den versuchten Selbstmord. Nach dem Scheitern seines Suizids landet Berthold im Rollstuhl und befindet sich nun in einer geistig sehr instabilen Lage. Das Anerbieten des Teufels, zuerst Berthold und dann sich selbst von der Klippe zu stürzen, lehnt Dora ab. Das von ihr unwissentlich ins Spiel gebrachte und sowohl von dem Satan als als auch von Berthold aufgenommene „Sondern“ ist der springende, philosophisch angehauchte Punkt des Ganzen. Auf der ganzen Linie erfolglos zieht der Teufel ab. Dora weiß mit ihm ebenso wenig anzufangen wie mit den Einflüsterungen des Chores. Dieser Chor hat wie in der Antike die Funktion eines Kommentators. Er stellt Fragen und bewertet das Geschehene. In ihm vereinigt sich das gesamte kulturelle Erbe der Menschheit. Bereitwillig erteilt er Ratschläge zur Lösung der aufgetauchten Konflikte.

Bernhard Lang hat eine ungemein eindrucksvolle Komposition geschaffen. Zu Beginn und am Ende des Werkes ertönt aus den Logen des ersten Ranges das imposante Schlagwerk. Dieses symbolisiert die ausgeprägte Energie Doras. Gekonnt setzen Lang und Witzel sie mit so mancher Heroine der Vergangenheit gleich, so beispielsweise mit Brünnhilde und Elektra. Daher rührt Langs Spiel mit Zitaten aus der Musikgeschichte, die durch Synthesizer-Klänge verfremdet werden. Bereits ganz am Anfang ertönt ein Zitat aus Wagners „Götterdämmerung“, und zwar die einleitenden Akkorde der drei Nornen. Wie dort das Schicksalsseil reißt, lässt Lang auch hier den zeitlichen Faden für Dora reißen. Am Ende der Oper erklingt zu einem sehr ergreifenden, in hohem Maße philosophisch angehauchten Gesang Doras noch das Erlösungs-Motiv aus der „Götterdämmerung“. Im ersten Akt benutzt Doras Bruder ein Thema aus Wagners „Siegfried“. Bereits unmittelbar nach den Wagner-Klängen des Beginns bahnt sich das Agamemnon-Motiv aus Strauss‘ „Elektra“ den Weg nach vorne. Nach dem ersten Einwurf des Chores nimmt Dora eine weitere, recht dramatisch wirkende Passage aus „Elektra“ aus. Viele Zitate werden außerdem im dritten Akt hörbar. Es beginnt mit einer Passage aus Gounods „Faust“. Sehr passend wartet Lang ein wenig später mit einem Zitat aus Verdis „Otello“ auf, als der Teufel gleich Jago mit Hilfe von ausgeprägten Lügen den armen Berthold glauben macht, Dora betrüge ihn mit seinem Chef Landrat Pfeifer, und ihn derart gekonnt in die Eifersucht treibt. Kurze Zeit danach stimmt Berthold bei der Schilderung von Doras grünem Kleid sehr gefühlvoll ein Lied an, das Schuberts „Die liebe Farbe“ aus „Die schöne Müllerin“ entlehnt ist – einer der stärksten und eindringlichsten Momente der ganzen Oper. Pink Floyd wird ebenfalls bemüht. Diese Referenzen an die Vergangenheit sind ausgesprochen schön anzuhören. Darüber hinaus haben wir es hier mit einer ungemein intensiven, stark rythmusbetonten Musik zu tun. Das kammermusikalisch besetzte Orchester setzt sich aus lediglich 25 Musikern zusammen. Hier drängst sich nachhaltig die Frage auf, ob es Zufall ist, dass Dora 25 Jahre alt ist und im Orchestergraben ebenso viele Musiker sitzen. Die Instrumentalisten verstanden es bei den Stuttgart Aufführungen ausgezeichnet, die zu dem Werk passende Atmosphäre zu schaffen. Es ist ein musikalisch wahrlich außergewöhnlicher Trip, geprägt von einem markanten Pulsschlag, der nicht nur von der bereits erwähnten Schlagzeuggruppe erzeugt wird. In gleicher Weise bemerkenswert ist Langs Loop-Technik, das sind die ständig wiederkehrenden Wiederholungsschleifen, die Doras Gefangenschaft in immer demselben eintönigen Trott symbolisieren. Erwähnenswert ist indes, dass jeder Loop anders gestaltet ist. Kompliziert muten Langs rege ins Feld geführten Vierteltöne an. Das Vokale changiert zwischen Gesang, Sprechgesang und reinem Sprechen. Alles in allem haben wir es hier mit einem sehr interessanten, eindringlichen Werk zu tun, dessen Besuch sehr zu empfehlen ist.

Dazu hat der interessierte Leser im März und April 2025 Gelegenheit, wenn an der Stuttgarter Staatsoper die Wiederaufnahme kommt. Zudem ist im Internet ein Stream der Aufführung der Premierenserie zu finden. Da muss man sich aber langwierig und schwierig anmelden, was mir nicht gelungen ist. Vielleicht findet ja einer der lieben Forum-Angehörigen eine Möglichkeit, das Video im Troubadour-Forum online zu stellen, damit alle diese hervorragende Oper jetzt schon sehen können. Es bleibt zu hoffen, dass diese geniale neue Oper Oper von anderen Bühnen ebenfalls aufgeführt wird!

Herzlichst

Lustein

Saengerfreunde hat auf diesen Beitrag reagiert.
Saengerfreunde

Hallo Lustein

 

Danke für die ausführliche Besprechung. Vielleicht bekomme ich die Kurve ja noch und gehe in der nächsten Spielzeit hin.

Die gesamte Oper habe ich nicht gefunden, aber einen ausführlichen TV-Bericht:

https://www.ardmediathek.de/video/kulturmatinee/wer-zum-teufel-ist-dora/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIwNDc3NzY

 

Gruß Wolfgang

Lieber Wolfgang,

vielen Dank für den interessanten Dora-Beitrag. Das ist doch schon mal was!

Hier stelle ich mal den Link zu der Stuttgarter Dora-Aufführung ein, bei dem man sich privat anmelden muss, um das Video sehen zu können, was aber bei mir nicht geklappt hat. Vielleicht schaffst Du es ja oder ist es einem anderen technisch versierten Forum-Mitglied möglich, für das Forum die Anmeldung zu vollziehen, damit wir alle die Aufführung ansehen können. Das wäre sehr schön.

https://www.youtube.com/watch?v=QuhhXCrwqfU

Herzlichst

Lustein

 

Lustein bereichert mit seiner Opernkompetenz und dem geübten Blick des  erfahrenen  Rezensenten unser Forum wieder einmal mit einer lesenswerten Besprechung der Oper „Dora“ von Bernhard Lang an der Stuttgarter Staatsoper. Dieses Mal gelingt es ihm, das Erlebnis dieser neuen Oper sogar so eindringlich, plastisch und farbig zu schildern, dass selbst erfahrenen Opernfreunden „das Wasser im Munde zusammenläuft“ und der Appetit geweckt wird, diese perfekt servierte Neuinszenierung selbst zu erleben. Danke für diesen umfangreichen Bericht und Chapeau!

Herzlichst die Sängerfreunde.

Liebe Sängerfreunde,

ganz vielen herzlichen Dank für das tolle Feedback zu meinem „Dora“-Artikel. Wenn man solche Feedbacks bekommt, dann ist es genau das, was man als Musikjournalist erreichen wollte.

An dieser Stelle ergeht der Aufruf an sämtliche Forum-Mitglieder: GEHT IN DIE STUTTGARTER „DORA“ im März und April nächsten Jahres. ES LOHNT SICH!!! Und zwar IN HOHEM MAASSE!! Zu diesem Zweck will ich jetzt auch einige Worte über die Stuttgarter Inszenierung der „Dora“ verlieren: Die Produktion ist rundum gelungen. Regisseurin Elisabeth Stöppler und Bühnenbildner Valentin Köhler setzen nicht auf eine konkrete Verortung der Handlung, sondern siedeln das Geschehen vielmehr in einem abstrakten Rahmen an. Das Geschehen spielt sich in einem weißen, hellen Echo-Raum ab, in dem Dora eine Art Seelenreise antritt. Dieser surrealistisch wirkende Trip geht nicht ins Äußere, sondern driftet ganz und gar in das Innere der Titelfigur ab. So wenig wie sie sich nach außen hin fortbewegt, so ausgeprägt ist ihr Weg nach innen. Ganz Kleines wird hier zum ganz Großen. Der Raum, der ein Modell ihrer Gedanken und Gefühle darstellt, ist gänzlich auf sie bezogen. Da ist es nur logisch, dass vier überdimensionale Buchstaben ihren Namen bilden. Dora ist sowohl Ort als auch Zeit. Und wenn die Hinterwand auf einmal unvermittelt nach hinten absinkt, kann man das als Beginn von Doras Reise in ihr Inneres auffassen. Zu Beginn sieht man sie und ihre Familie inmitten des Chores in einer Reihe still und bewegungslos sitzen, wobei man Dora gut anmerkt, dass sie sich langweilt. Obwohl sie ein Kollektiv bilden, scheinen hier sämtliche Personen in Wirklichkeit der Einsamkeit zu frönen. Diese wird erst ganz am Ende aufgehoben, wenn Dora im männlichen Faust- Look und der lädierte Berthold, der als Gretchen in einem Kleid in der Höhe auf einer Schaukel sitzt, zusammenfinden. Für das Schlussbild, in dem Dora und Berthold etwas von einander entfernt dastehen und sich ansehen, gibt es mehrere Auslegungsmöglichkeiten. Man könnte einmal meinen, dass am Ende alles offen bleibt. Es ist aber auch die Interpretation möglich, dass Doras Leben, indem sie sich um den unheilbar kranken Berthold kümmert, endlich den angestrebten Sinn erhält. Sie hat den Sinn des Lebens, der sich ihr in dem „Sondern“ offenbarte, gefunden. Berthold stellt eine neue Option dar, die von Dora dankbar angenommen wird. Auf diese Weise erlangt sie die so lange ersehnte Befreiung, die zu guter Letzt in ein befreiendes Lachen mündet. Der dritte und vierte Akt werden gänzlich von einem im Hintergrund aufragenden Gerüst geprägt. In dem Augenblick, als Berthold nach Beendigung seines Liedes von Doras grünem Kleid durch die Einflüsterungen des Teufels ganz desillusioniert die Hosen herunterlässt, legt auch Dora ihr grünes Kleid ab. Offensichtlich wird, dass beide in ihren Meinungen ganz konform gehen. Behände schlägt sich Dora auf die Seite des sie liebenden Mannes. Bereits zuvor hatte sie die Auseinandersetzung zwischen Berthold und dem Teufel belauscht, obwohl Lang und Witzel für sie an dieser Stelle gar keinen Auftritt vorgesehen haben. Hier hat die Regisseurin trefflich bewiesen, dass sie mit Tschechow‘ schen Elementen umgehen kann. Bereits in diesem Akt schläft Dora ein. Im Folgenden durchlebt sie insbesondere im vierten Akt einen ausgemachten Alptraum. Nicht immer wird von der Regie die Trennlinie zwischen Traum und Realität klar gezeichnet, aber das soll wohl beabsichtigt sein. Das Gespräch Bertholds mit dem Teufel sowie später die Nachricht der Schwester von Bertholds Suizidversuch gehören sicher zur Wirklichkeit, während die teilweise seltsame Aufmachung der Choristen – stellvertretend seien hier nur die komischen großen Ohren erwähnt – und der Streit Doras mit ihren Eltern in das Reich der Träume gehören. Auch wenn Dora ihre Familie mit einem Messer ins Jenseits befördert, ist das der Traumwelt zuzuordnen. Jedenfalls stehen die Getöteten nach einer Weile alle wieder auf. Große Dominanz kommt ebenfalls den Videos zu, deren Inhalte lediglich ein Produkt von Doras Kopf bilden. Die Figuren des Alltags, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird, sind größtenteils Projektionen ihrer selbst. Dora als Projektionsfläche: Ein hervorragender Gedanke, der Frau Stöppler alle Ehre macht. Die Videos und Projektionen sind manchmal geradezu riesig. Es offenbart sich in erster Linie beim Übergang vom ersten zum zweiten Akt mit Macht, dass Doras Familie genauso böse ist wie der Teufel. Insgesamt eröffnet die äußerst kluge und spannende Inszenierung einige Assoziationsräume und überlässt es den Zuschauern, sich eine eigene Interpretation des Gesehenen zurechtzulegen. Das war alles sehr überzeugend und äußerst intensiv und kurzweilig auf die Bühne gebracht. Also zum Schluss noch mal die dringende Aufforderung: REINGEHEN, REINGEHEN UND NOCH MAL REINGEHEN!!!

Herzlichst

Lustein

Auch ich fand die Schilderung höchst interessant. Wenn ich auch die Musik nicht kenne und nicht weiß, ob ich daher eine Beziehung zu dieser Oper finden würde, begrüße  ich, dass zu einem modernen Thema auch ein textlich und musikalisch neues Werk geschaffen wurde. auch wenn an an vielleicht passenden Stellen (was ich nicht beurteilen kann) Motive aus älteren Werken zitiert werden. So muss es bei bei Geschehnisssen  und Gedanken über unsere Zeit sein, aber nicht, dass der Inhalt älterer Werke von einem Regisseur einfach in eine abweichende Phantasiehandlung „umgestrickt“ wird und deren Musik und Text, die nicht auf diese Handlung geschieben wurden, missbraucht, ja die Werke sogar zur Täuschung des Zuschauers mit dem ursprünglichen Titel herausgegeben werden.

Liebe Grüße
Gerhard

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