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Troubadour-Forum für klassische Vokal- und Instrumentalmusik

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NONO, Luigi: UNTER DER GROSSEN SONNE VON LIEBE BELADEN

Luigi Nono (1924-1990):
AL GRAN SOLE CARICO D’AMORE
(Unter der großen Sonne von Liebe beladen)
Szenische Aktion in zwei Teilen

Libretto vom Komponisten und Juri Petrowitsch Ljubimov mit Texten von
Gramsci, Marx, Gorki, Brecht, Pavese, Rimbaud, Lenin, Castro, Che Guevara
Gewidmet Claudio Abbado und Maurizio Pollini
Originalsprache: Italienisch.

Uraufführung am 4.April 1975 im Teatro Lirico, Mailand
Erstaufführung der Zweitfassung am 26. Juni 1978 in der Oper in Frankfurt am Main.

Solisten:
Vier Soprane

Ein Mezzosopran oder Alt
Ein Bariton
Zwei Tenöre
Zwei Bässe

Hinweis: Nonos Stück hat keine durchgängige Handlung. Thema ist, an die freiheitlich gesinnten Menschen, insbesondere Frauen, zu appellieren, an die Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts zu denken und deren Gründe zu verinnerlichen, auch wenn sie gescheitert sind. Nono bezieht sich auf die
1. Niederschlagung der Pariser Commune von 1871
2. auf die russische Revolution von 1905
3. auf die Arbeiterunruhen in Italien 1950 (besonders Turin)
4. auf die misslungene Erstürmung der Moncada-Kaserne 1953 auf Kuba (Stichworte: Battista-Regime und Fidel Castro)
5. dann das Bolivien-Abenteuer von Che Guevara 1966/67
6. und den Vietnam-Krieg in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.
Das alles wird nicht abgeschlossen oder sukzessive zur Darstellung gebracht, sondern in einer Montage von Zeitdokumenten, theoretischen Erörterungen, Kampfliedern und Texten fiktiven Inhalts dargeboten.

Man kann die gesungenen Überschriften, vorgetragen von den Sopranen 1 und 4 als eine Art Vorspiel betrachten. Che Guevara sagte Die Schönheit setzt sich der Revolution nicht entgegen. Luise Michel, Pariser Kommunardin, meinte Für dieses weite und hilfsbereite Herz – trunken von Solidarität – ist die einzige atembare Luft die Menschenliebe. Diesen Themensätzen folgt ein Orchesterzwischenspiel in dem die Pauken das sowjetische Kampflied Wir sind nicht mehr die Pariser Commune intonieren. Dann halten Frauen einen Rückblick auf den niedergeschlagenen Aufstand von 1871, indem sie die Communarden mit einem Zitat von Karl Marx zu moralischen Siegern erklären.

Erster Teil.
Mit dem Slogan Wir werden wiederkehren als Menge ohne Zahl eröffnen die Communarden mit Tania Blunke (als Solo-Sopran) diesen Teil. Sie, die Communarden, kündigen wie furchtlos der bourgeoisen Herrscherschicht ihren Gehorsam auf und bezeichnen ihre Gesetze als unwirksam und ihre Fabriken ab sofort als Gemeineigentum in der Herrschaft der Arbeiterklasse.

Die Guerillera Tania Blunke fragt angesichts der zerschmetternden Wucht revolutionärer Umschwünge, ob es überhaupt noch individuelle Selbstbehauptung geben kann. Als Hintergrund für diese Frage gilt der einsame Tod der von ihren Genossen verlassenen Guerillera, die sich auch fragte, ob ihr revolutionärer Einsatz irgendeinen Sinn gehabt habe. Als sozusagen letzten Gruß schicken die Freunde Che Guevaras Parole von der Schönheit, die sich der Revolution nicht entgegenstellt, zu Tania Bunkes Grab. Aber nicht nur das, denn gesungen wird auch für alle Gefallenen die Internationale.

Die Gründe für den Aufstand der Pariser Commune kommt nun auf’s Tableau. In einer Rückblende, wo sich die bürgerlichen Politiker Thiers und Favre mit den äußerst harten Reparationsforderungen des Fürsten Bismarck auseinandersetzen müssen, liegen im Krieg von 1870/1871. Das Proletariat in Frankreich war nicht bereit, den gegen das Deutsche Reich verlorenen Krieg mit weiterem Elend wegen der hohen finanziellen Belastungen zu bezahlen. Es kam zu Aufständen gegen die oberen Klassen und die staatliche Gewalt durch die Pariser Commune, die sich auf eine heroische Identifikations-Figur, nämlich Louise Michel, beriefen. Der Aufruhr führte zu einer Machtübernahme durch die Communarden, die Gesetze als ein Gegenmodell zur bürgerlichen Gesellschaft erließen. Das wurde in der Öffentlichkeit nicht allgemein goutiert, es kam aber nicht zu einem Bürgerkrieg, weil die Communarden den Widerstand gegen ihre Vorstellungen akzeptierten und deshalb zu keiner öffentlichen Machtfrage mit einem Bürgerkrieg. Madame Louise Michel musste sich nach der Niederschlagung der Pariser Commune vor Gericht verantworten. Aber dort hat sie sich ganz offen als Unterstützerin der Aufrührer dargestellt. Und das wird allgemein als bewundernswert empfunden, ja, die Arbeiter zu späterer Zeit nahmen das auf und sangen Wir sind nicht mehr die Commune von Paris. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Louise Michel später bewusst an die Seite des konterrevolutionären Militärs gestellt hat. Insbesondere eine bestimmte Szene am Montmartre rückt in den Mittelpunkt des Interesses: da haben die Communarden gewaltsam die Auslieferung der Kanonen an die Regierung Thiers verhindert, denn die war bereit, diese Kanonen gegen die Pariser Bevölkerung einzusetzen. Louise gibt sogar zu, dass sie gerne dabei gewesen wäre, hätte insoweit auch mitgewirkt bei den sogenannten Straftaten der Commune. Einmal in Fahrt gesteht sie noch, mitgeholfen zu haben, Paris in Brand zu setzen, um den gegnerischen Truppen das Vorkommen zu erschweren.

In einer neuen Szene drängt Reichskanzler Bismarck den französischen Präsidenten Thiers, die Gewalt der Pariser Commune einzudämmen und der Franzose greift tatsächlich zu extremer Gewalt. Die Folge ist eine Art Erstarrung der Öffentlichkeit und in einer Pantomime wird dargestellt, wie die Bourgeoisie in Versailles den Sieg über die Aufständischen zelebriert und man sich bildlich Präsident Thiers zu Füßen wirft. Louise Michel dagegen kündigt ihren Richtern an, für die Ermordung der Communarden Rache zu fordern – falls man sie am Leben lässt. Tania Bunke zweifelt daran, dass man ihr Engagement für die Commune in späteren Zeiten zu würdigen wisse, was Louise Michel mit dem Hinweis kontert, die Aufstände würden in Zukunft zum beispiellosen Kampf für die Gerechtigkeit angesehen werden.

Im Finale des ersten Teils wird eine Art Bestätigung der Vorhersage von Louise Michel durch den Auftritt einer Mutter aus Maxim Gorkis und Bert Brechts gemeinsamem Stück (von Günter Weisenborn dramatisiert) laut verkündet und auf die Fortwirkung der Commune hingewiesen, denn Lenin habe gesagt Die russische Revolution von 1905 und 1917 setzten in verschiedenen Situationen, unter anderen Bedingungen, jenes Werk der Commune fort.

Zweiter Teil.
Zum Gedenken an die unterdrückten Werktätigen im Zarenreich wird im Hintergrund der Bühne eine Repressionsmaschinerie sichtbar, die von zaristischen und faschistischen Soldaten bestückt wird. Wenn die schon erwähnte Mutter, gefangen in Bedrängnis und Not, das Elend der Arbeiter von 1905 beschreibt, dann wird erkennbar, wie wichtig Lenins Arbeit und sein Wollen war. Melancholisch, darf man sagen, ist der Auftritt von Deola, der Geliebten eines Turiner Arbeiters. Die denkt laut über ihren Geliebten nach, der aus dem Süden des Stiefels in den Norden, nach Turin, kam, um für besseren Lohn zu arbeiten – um dann aber festzustellen, dass es da auch nicht besser war, als in seiner südlichen Heimat. Ganz anders, aber doch wieder gleich, ist das Leben der russischen Mutter mit ihrem Sohn Pavel: der Lohn wurde gekürzt, die Leistung aber nicht weniger und die Folge war eine dünne Suppe, noch dünner, als sie es schon lange war. Der Hunger ist das Bild täglicher Leidensfähigkeit.

Das Bild wechselt nach Turin. Der Aufzug der Repressionsmaschinerie macht die deprimierende Situation in Turin deutlich: Die Mutter eines Turiner Arbeiters erzählt von der Hoffnung ihres Sohnes, besser zu verdienen, der aber enttäuscht wurde und sich den „Genossen“ angeschlossen hat. Feststellung: die sozialen Missstände fordern Tote und die Überlebenden stimmen leise, aber immer lauter werdend, die Internationale an. Die schon bekannte Repressionsmaschinerie hat neben den zaristischen und faschistischen Soldaten jetzt auch noch das französische Militär der bürgerlichen Machthaber in sich aufgenommen.

Gezeigt wird zunächst eine russische Fabrik, wo ein (sogenannter) Verräter mit seinem Fabrikdirektor aufritt und Lohnkürzungen fordert, was aber von den Arbeitern mit sofortigem Streik beantwortet wird. Gesungen wird das populäre Streiklied „Dubinuska“ unter ihrem Anführer Pavel. Und das ist für Deola in Turin der Beweis, dass der Streik in Russland auch noch 50 Jahre später in Turin Erfolg haben kann, wenn man nur endlich will. Die Hoffnung jedenfalls ist da!

Nun kommt die Repressionsmaschinerie zum Battista-Regime auf Kuba. Die Söldner des Diktators müssen den Angriff auf die Moncada-Kaserne im Jahr 1953 zurückwerfen. Aktivistin Haydée Santamaria tut sich dabei auf der gegnerischen Seite hervor. Die drei Revolten gegen Battista enden, als die Arbeiter auf die Repressionsmaschinerie treffen, mit der Niederlage der Aufständischen. Haydée Santamaria ist jedoch fest entschlossen, den Kampf fortzusetzen; Moncada ist für sie die Mutter der Revolution auf Kuba. Der nun folgende Ortswechsel führt nach Vietnam. Dort werden Vietnamesinnen von der schon bekannten Repressionsmaschinerie in Gefangenschaft gehalten, halten aber trotz aller Leiden an ihren Hoffnungen auf Besserung der Zustände fest. Das geht auch den Gefangenen Antonio Gramsci, Georgi Michailović Dimitrov und Fidel Castro so.

Nach dem Mord an der Mutter wird die Maschine der Repressionen, deren Soldaten mit dem Rücken zum Publikum stehen, immer mehr an die Rampe gedrängt. Das proletarische Geschichtsgedächtnis sorgt aber dafür, dass die Mutter nur den leiblichen Tod erlitten hat, nicht das Erinnern an sie ist gelöscht. Aus dem Text der Internationalen entsteht der Ausruf der Mutter Weder länger Knechte, noch Herren! Auf, zum letzten Gefecht!

© Manfred

Gestaltung Agentur kuh vadis