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Opernkritiken unseres Mitgliedes Sieglinde Pfabigan

BAYREUTH/Festspiele 2022: TANNHÄUSER – originell, packend, amüsant…

10.08.2022

Bayreuther Festspiele 2022

Eine „Tristan“ und eine „Ring“-Neuinszenierung sowie Reprisen von „Tannhäuser“ „Holländer“ und „Lohengrin“ bei vollbesetzbarem und hiemit allabendlich ausverkauftem Haus ermöglichten vielen Heimkehrern sowie Neulingen den Besuch des Festspielhauses. Nach wie vor dominieren die reiferen Generationen und für Interessierte gibt es ja nach wie vor genügend Werkeinführungen, Bücher und Tondokumente, um ihnen das Verständnis der angeblich nicht so leicht verkraftbaren zehn Wagnerschen Bühnenwerke, von denen nur „Parsifal“ und „Meistersinger“ heuer nicht gespielt wurden, zu erleichtern. Unterschiedlichste Publikum- und Kritiker-Reaktionen auf Inszenierungen sind keine Neuigkeit auf dem Grünen Hügel. Eine generelle Verdammnis aufgrund der von den Medien begehrten negativen Schlagzeilen ebenfalls nicht.

Da ich heuer zum 60. Mal die Bayreuther Festspiele  besuchte, bot sich mir als größte Freude die Erkenntnis, dass solche Meisterwerke sowohl musikalisch wie inhaltlich bzw. szenisch und vonseiten der Sängerdarsteller immer wieder neue Einsichten ermöglichen und deshalb für entsprechende Aufregung sorgen.

 8.8.2022: „TANNHÄUSER“ –  originell, packend, amüsant …

Im dritten Jahr gibt uns diese Produktion von Tobias Kratzer (Regie) und Rainer Sellmaier (Bühne und Kostüm) zugleich Rätsel auf und  lässt uns dem Atem anhalten. Im gar nicht so weit von Bayreuth  entfernten Thüringer Wald, wo man seit Jahrhunderten Spuren der Liebesgöttin Venus entdeckt zu haben vermeint, und rund um das Festspielhaus spielen die einzelnen Szenen, gleichzeitig von Ernst und Humor getragen. Auf der Bühne und durch Videoprojektionen rund um die Hauptgeschehnisse sind die einzelnen Szenen zu betrachten. Eine ungemein komplexe Produktion, die ungeheuerliche Vorbereitungsarbeit benötigte.

Die kurze Inhalts-Fassung, wie sie im 170 seitigen Programmheft aufscheint: 

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In der hier gespielten, kürzeren Dresdner Fassung von 1845 ließ sich die Rolle der recht lebendigen, in sportliches Reizgewand von heute gekleideten Autofahrerin namens Venus leichter verallgemeinern als wenn man sie in ihr vermeintliches unterirdisches Reich verbannt. Sie ist mit ihrer Begleitung Le Gateau Chocolat und dem kleinen Manni Laudenbach im Kleinbus – zur Ouvertüre – unterwegs durch den Thüringer Wald; man stoppt mal an einer Tankstelle oder für eine Jause, ehe es auf das Endziel Bayreuth zugeht. Ein  eingeblendeter – versehentlicher  Zwischenstopp vor dem Salzburger Festspielhaus bewirkt den verdienten Lacherfolg des erheiterten Publikums, ehe sich die Autolenkerin eines Besseren besinnt und man letztendlich vor dem Bayreuther Festspielhaus landet. Das steht im Grünen und tragt am Balkon die Aufschrift: 

FREI IM WOLLEN
FREI IM THUN
FREI IM GENIESSEN      
                              RW

Umgeben vom Wald, tritt nicht nur der junge Hirt – schön singend: Tuuli Takala –mit seinem/ihrem zweideutigen Lied auf, sondern es erscheint auch der Landgraf mit seinem erlesenen Gefolge – wohlgemerkt: als Jäger vor dem Festspielhaus! – und zur offensichtlich freudigen Überraschung, den lang vermissten Heinrich Tannhäuser wiederzusehen. Und dessen  Aufmachung mit dem verschminkten Gesicht stört die edlen Jäger offenbar gar nicht…eimnrich >Tnnhäuser wieder anzutreffenHHSirt – Dass die Elisabeth nicht von Anbeginn eine „heilige“ ist, äußert sich schon darin, dass sie ihrem Ex-Geliebten eine Ohrfeige verpasst, ehe sie wieder in den Wald entschwindet …

Bemerkenswert in dieser Produktion: Die Musik wird nicht verunstaltet durch solcherlei Aktionen.

Dass man zu Beginn des 2. Akts zunächst den Einzug der Mitwirkenden beim Sängerfest incl. Frau Venus mit Gefolge, die sich dann in einen der Edelknaben verwandelt, filmisch betrachten kann und auch weiterhin sieht, was sich oberhalb und seitlich der Bühne abspielt, erhöht unser Vergnügen; weil sich zum vordergründigen Geschehen auch das mögliche hintergründige überdenken lässt.

Nachdem Lise Davidsen sich mit der Besingung der teuren Halle vokal, optisch und emotional profilieren konnte, findet der heiß erwartete Sängerkrieg im Beisein der gesamten „besseren Gesellschaft“ statt. Nachdem der Landgraf Hermann, Albert Dohmen, in diesem edlen Kreise mit würdiger Bassstimme umhergeblickt hat, werden die teilnehmenden Minnesänger sehr individuell profiliert gezeigt. Wolfram von Eschenbach Markus Eiche lässt optisch und mit nobel geführtem Bariton spüren, dass ihn nicht nur die vokale Noblesse bewegt, sondern er wohl auch gerne ein bisschen kräftiger zugreifen würde. Als Walther von der Vogelweide hat es Attilio Glaser mit schlankem Tenor leichter, sich vorbehaltslos zu äußern. Olafur Sigurdarson, Bayreuths neuer vielgelobter Alberich, musste sich als grauhaariger, graubärtiger Biterolf und dunkelstimmiger Teilnehmer am Sängerkrieg  dahingehend zurechtweisen lassen, dass er von Liebe nichts verstünde. Jorge Rodriguez-Norten als Heinrich der Schreiber und Jens-Erik Aasbö als Reinmar von Zweter zeigten sich auch optisch profiliert, wurden aber von Tannhäuser letztlich belehrt, dass das, was sie an Liebe genossen hätten, unbedeutend sei, weil sie nie in den Venusberg eingezogen seien…

Warum hat Wagner die Titelrolle für einen Heldentenor geschrieben? Für erfahrene Opernfreunde ist nichts logischer…Er darf sich zwar belcantesk äußern, aber das darf nicht gekünstelt und forciert klingen – mit ehrlicher Kraft und Hingabe äußert er Freud und Leid, seine Visionen und seine vernichtende Kritik des heuchlerischen Papstes, den Gott damit bestraft, dass er Tannhäusers Wanderstab mit frischem Grün erblühen und den Sünder entsühnt vom hiesigen Leben scheiden lässt. Dazu gehört innere menschliche und für alle Mitwirkenden und Zuhörenden hörbare Sensibilität. Wenn die so selbstverständlich geboten wird wie von Stephen Gould, und dies seit nunmehr 20 Jahren, als ich ihn ebenso perfekt bei seinem Europa-Debut als Tannhäuser am Linzer  Landestheater erlebte,  dann ist für ein volles Werkverständnis gesorgt. So geschieht es auch beim Tristan und Siegfried  und ebenso bei seinem Siegmund und Lohengrin– die heldentenoralen  Ansprüche Wagners machen Sinn und entscheiden oft auch das gesamte Werkverständnis.

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Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Neu in dieser Bayreuther Produktion ist die Vollpräsenz der Venus in allen drei Akten. Ekaterina Gubanova ist eine ganz normale, fesche Frau mit schönem Mezzo, sehr beweglich in jeder Hinsicht, eine gute Herrin ihrer Begleitpersonen, im Freien, wo auch die Oper an einem Waldrand endet,  als Autolenkerin ebenso wie als Mitwirkende beim Wartburgfest, und sie bleibt uns über das Ende der Oper hinaus erhalten. Die finale Verdammnis bleibt, wie von Wagner gedichtet und komponiert, ausgespart. Die wahre Verdammnis – sehr gut inszeniert! – zeigt uns das Regieteam für die noblen Besucher des Gesangswettbewerbs, denen viel Menschliches fremd ist, und einen Seitenhieb gibt es noch für Wolfram und Elisabeth  –  der schwer in sie Verliebte, der sich lang so tapfer zurückgehalten hat, kopuliert sich mit der im Sterben liegenden „Heiligen“. Venus und ihre  Begleitung echauffieren sich nicht darob. Das Bayreuther Festspielhaus ist nicht mehr erschaubar…

Angesichts so viel packender und oft Rätsel aufgebender Optik darf man nicht auf die musikalischen Führungskräfte und Gruppen vergessen. Der Bayreuther  Festspielchor, wenn auch optisch nicht ganz so nobel präsent wie in vielen früheren Inszenierungen, erfüllt musikalisch jene höchsten Wünsche an Präzision und Ausdruckskraft, wie man sie in Bayreuth seit eh und je geboten bekam. Eberhard Friedrich, bestens eingeschult seit seinen Assistentenjahren unter Norbert Balatsch, leistet Optimales mit seinem Team. Und Axel Kober, von Jahr zu Jahr weiter in die Geheimnisse von Wagners bühnengerechter Musik eindringend, hielt, angefangen von der erwartungsvoll geleiteten Ouvertüre, seine Wagner-kundigen Musiker trefflich zusammen und ermöglichte den Sängern eine optimale stimmliche Entfaltung.

Nach jedem Akt steigerte sich der nach dem jeweils letzten Ton einsetzende Publikumsjubel samt  Bravorufen und Fußgetrampel, zumal es in der ersten und zweiten Pause keine Verbeugungen der Sänger gab. Umso heftiger brandete der finale Beifall auf alle Mitwirkenden nieder, für die Sänger und musikalischen Leiter nach Verdienst wohl dosiert, ebenso für das Regieteam. Dass ich da ein paar Buhrufe zu hören vermeinte, war zu erwarten. Es gibt immer Gescheitere als die gerade im Einsatz Befindlichen.

© Sieglinde Pfabigan

Liebe Grüße

Willi😀

Es freute mich ganz besonders, dass ich beim zufälligen Blättern im Online Merker eine nagelneue Kritik unseres Mitglieds Sieglinde Pfabigan, die die Premiere meiner Lieblingsoper „Fidelio“ im Staatstheater Wiesbaden vom 16. 10. 2022 erlebt hatte:

 

WIESBADEN/Hessisches Staatstheater: FIDELIO – Premiere

18.10.2022 | Oper international

Wiesbaden: „FIDELIO“ – Premiere 16.10.2022

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In der Inszenierung von Evelyn Herlitzius: der Bühnenhintergrund im 1.Akt mit den gefangenen Chorsängern, zu denen Marzelline (Anastasiva Taratorkina) aufblickt. Foto: Lena Obst

Das Hessische Staatstheater unter der Leitung von Uwe Eric Lauffenberg zeichnet sich seit langem durch vortreffliche Inszenierungen aus, die modischen Erwartungen einzelner Kritiker nicht zusagen mögen, weil sie die Werke nicht komplett verunstalten, nur um damit auf der aktuellen, multimedialen Sensationspalette zu landen. Aber ich habe in den letzten Jahren in diesem Theater noch keine Opernvorstellung erlebt, die nicht auf ästhetische Art Neues aus jedem Werk herausgelesen hat, ohne die Essenz des Komponisten und Librettisten zu zerstören. Diesmal war es das Engagement einer bedeutenden Sängerin, Evelyn Herlitzius, die in Jahrzehnten alle hochdramatischen Sopranrollen, incl. der Leonore, optimal gestaltet hat, der Lauffenberg nun als ihre erste Regiearbeit den „Fidelio“ anvertraute.

Es gab großen Jubel am Ende, nicht eine einzige hörbare Missfallenskundgebung, und da ich als „Merkerin“ auch der Premierenfeier mit den Sängern beiwohnen durfte, hörte ich von diesen ebenfalls keine negativen Äußerungen. Im Gegenteil – alle fanden, dass Kollegin Herlitzius ihnen in allen Aktionsvorschlägen entgegenkam, eigene Wünsche jedes und jeder einzelnen akzeptierte und – aus langjähriger eigener Erfahrung auf Textdeutlichkeit und gute Positionen achtete.

Wie auch in den Mozart-, Verdi- und Wagnerproduktionen, die ich in letzter Zeit in Wiesbaden besuchen konnte, gab es heutige Kostüme, die der Glaubwürdigkeit der einzelnen Personen aber keinen Abbruch taten. Und in der Titelrolle kann ich mich nicht erinnern, je eine so männlich ausgestattete Leonore gesehen zu haben, die zwar mit ihrer Frauenstimme ebenso lyrisch wie hochdramatisch sang, aber von der in „den“ Fidelio verliebten Backfisch- Marzelline nicht als weiblich wahrgenommen wurde.

Originell ist auch die Idee, im Hintergrund der Bühne auf mehreren Etagen leicht verschleiert ausschließlich Gefängniszellen zu zeigen, in denen sich je ein Gefangener, größtenteils stehend, ganz leicht bewegt. Es sind dies die Chorsänger, die zu des Kaisers Namensfest normalerweise ins Freie gelassen werden, hier aber nur etwas deutlicher erkennbar, weil mehr herausgeleuchtet, zu erschauen sind und am Ende der Oper sogar zusammen mit ihren Frauen.

Nach dem von Will Humburg recht abgehackt dirigierten Beginn der Ouvertüre erschienen auf dem gesamten Bildschirm, sich langsam verdeutlichend, die Gesichter von Leonore und Florestan am offensichtlichen Hochzeitstag, wie sie einander zuprosten und einander ihre Bilder reichen und vor die Brust hängen…Dass da echte Liebe vorhanden ist, wird klar.
Im Verlauf des Abends spielte sich das Orchesters immer mehr ein und wurde zur Stütze für die Sänger.

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Barbara Havemann als Fidelio-Leonore. Foto: Lena Obst

Barbara Havemann, deren letzte große Rolle am Haus im November 2021 die Premierenbesetzung der Isolde war, sang und spielte, dank ihrer männlichen Kostümierung und ihres sowohl im Altregister wie auch in der Höhe hochdramatisch gewordenen Stimme die Rolle vortrefflich. Im Gegensatz dazu durfte Anastasiva Taratorkina als Marzellinchen mit ihrem hellen, sehr jugendlichen  Sopran einen bezaubernden verliebten Backfisch von heute gestalten, dem auch Vater Rocco, Dimitry Ivashchenko, sichtlich sehr gewogen war. Der Kerkermeister, offenbar bereits an sein schweres Amt gewöhnt, konnte glaubhaft machen, dass er daneben gern einer Familie ein bürgerliches Leben gestalten helfen wollte. Mit seiner angenehmen Bassstimme konnte er die Lobpreisung des Goldes erklingen lassen und mit akzentfreier Sprechweise  sein menschliches Wohlwollen zum Ausdruck bringen. Als Jaquino, Ralf Rachbauer, mit hellem Tenor, dunklem, grobem schwarzem Bart und Halbglatze räumte man diesem Anwärter auf Roccos Tochter allerdings wenig Chancen ein. Etwas zu wenig furchterregend war auch der Pizarro von Claudio Otelli (Anfang der 90erjahre Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, seither weltweit freischaffend unterwegs). Die Regisseurin konzedierte ihm, dass er auch ein Auge auf Marzelline geworfen hatte.

Sehr organisch lief das Chorfinale des 1. Aktes musikalisch wie auch in statischer Form auf der Bühne ab. Die Sensation des Abends stand noch bevor.

 

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Marco Jentzsch als Florestan – in Liebes- und Leidens-Ekstase (c: Lena Obst)

Der Vorhang öffnet sich zum 2.Akt ein paar Takte nach Beginn der Orchestereinleitung vor komplett dunkler Bühne.  Man zitterte schon, ob kurz vor Beginn der Florestan-Arie die Beleuchtungsverantwortlichen etwa ihre Pflicht vergessen hätten. Es blieb vollkommen dunkel, als die Tenorstimme von Marco Jentzsch mit einem kraftvollen, endlos scheinenden „Gooooooooooooooooott…! einsetzte, das einen erzittern machte – so schön, so endlos schien der verzweifelte Anruf und dann die Feststellung „…welch Dunkel hier“ und man glaubte diesem Menschen, den man gar nicht sehen konnte, die „grauenvolle Stille“, die er zu ertragen hatte…. Und die Aussage „Das Maß der Leiden steht bei dir“ klang ebenso kraftvoll, hell und schmerzensreich, dass man verstand, womit er sich so lange Zeit zu trösten versucht hatte. Erst bei „Süßer Trost in meinem Herzen lichtete sich der Kreis um den Knieenden ein wenig und man sah in weit aufgerissene schwarz glühende Augen – erschreckend zwischen den langen, ihm seitlich herunterhängenden schmutzigen Haaren. Und der Sänger sang sich in eine Ekstase hinein, die, trotz des vokal immer leuchtender werdenden „himmlischen Reiches“, in einem körperlichen Zusammenbruch des ausgehungerten Mannes enden musste.  Da war keine Steigerung mehr möglich.

Leonore und Rocco waren gleicherweise mitgenommen, und die Totenstille im Publikum sprach für sich. Da vergeht einem wahrlich das Verlangen nach profanem Applaus, wie er nur ganz kurz und zögernd ansetzte. Die gesprochenen Szenen im Folgenden waren umso verhaltener, als Leonore in diesem Mann ihren Florestan erkannt hatte und beim Erscheinen Pizarros jäh wusste, was sie zu tun hatte.  Die „namenlose Freude“ klang beidseitig wie nicht von dieser Welt.

Wer nun – wie gewohnt, vor allem in der Wiener Inszenierung von Otto Schenk – die 3. Leonoren-Ouvertüre erwartete, wurde enttäuscht. Ganz wenige Minuten, wo niemand auf der Bühne wusste, was er eigentlich tun sollte, vergingen, ehe sich der Vorhang wieder öffnete und man ganz profan das versammelte Volk mit Don Fernando – Christopher Bolduc in der Mitte erblickte, um umgeben von seinen Begleitern und allen Solisten seine schöne Botschaft zu verkünden. In der kurzen Umbaupause hatte man auf der rechten Bühnenseite Florestan an einem Tisch zum Sitzen gebracht, der, jetzt bei hellem Licht, immer noch elendiglich aussah und nach dem Jubelfinale Kopf und Arme nochmals erschöpft, wenn auch erleichtert, auf den Tisch sinken ließ.

Die Regisseurin war also offensichtlich bemüht, pure Opernkonvention zu vermeiden und die menschlichen Befindlichkeiten von Opernfiguren zu vertiefen.  Leonore zeigte nun auch Zuversicht, dass sie ihren geliebten Florestan wieder haben würde, der ihr Bildchen von der glücklichen Hochzeit immer noch an einer Kette vor der Brust hängen hatte.

Man kann immer irgendwelche Details bekritteln, aber die menschliche Aussage von Beethovens einziger Oper war da.                                

Sieglinde Pfabigan

Liebe Grüße

Willi😀

  1. 9. 2022, Wien, Staatsoper, LA BOHÈME“ O Seligkeit, ich fass dich kaum….

Man kann der Direktion nur gratulieren zu der Idee, nach der notgedrungenen Absage der „Jüdin“ eine „Bohème“ mit Anna Netrebko anzusetzen! Wie in klassischen Opernzeiten, incl. Stehplatz, waren die Aufführungen ausverkauft und der Schlussjubel musste gewaltsam beendet werden durch Schließen des Vorhangs.

Und das war kein willkürliches  Verhalten des Publikums, sondern passierte dank der allgemeinen Ergriffenheit von Puccinis tief berührender Oper in rollengerechter Besetzung. Und dass das Geschehen in der historischen Zeffirelli-Inszenierung stattfand, vervollständigte das Opernfest.

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Natürlich sind Touristen im Hause immer willkommen, weil sie das Haus füllen. Das wahre Glück für die Ausübenden und das Haus Besuchenden aber sind unleugbar die Stammbesucher – heimische uns auswärtige, Wissende und Liebende der seltsamen Kunstgattung Oper. Wenn es kein Rascheln mit Papier und Gewand, kein Wetzen auf den Sitzen, keine fortgesetzte Handy-Betätigung, kein Husten und Räuspern nach Musikbeginn gibt, und vollends, wenn die großen-kleinen Augenblicke wie Mimis Erscheinen an der linken Zimmertür des Studentenquartiers, die ersten Takte zu Rodolfos „Che gelida manina“ oder des Tenors Anlauf zum hohen C oder dann Mimis Aussage über „quelle cose che han nome poesia“ so berühren … vom tragisch betörenden Finale der Oper gar nicht zu reden… das alles kam und dünkte einen, als hörte man es zum ersten Mal…

Das orchestrale Glück zu Beginn war zwar nicht vollkommen, denn Bertrand de Billy ließ es heftig knallen, was die Bohèmiens zu äußerst vokaler Kraftentfaltung zwang. Aber immerhin besaßen Vittorio Grigolo,  George Petan, Martin Häßler und Günter Groissböck ausreichendes Stimmvolumen. Später konnten/durften sie mit moderaterem Einsatz ihre schönen Stimmen hören lassen, die immerhin bekundeten, dass junge Künstler aller Sparten sich eindringlich zu äußern vermögen, wenn sie etwas zu „sagen“ haben.

Nicht alle Besucher sind über Vittorio Grigolos tenorale fortissimo-Kundgaben erfreut, weil es die Ästhetik des Gesangs beeinträchtigt. Aber diese leidenschaftliche Poetenrolle liegt ihm sehr, nicht nur, weil sie seiner Spielfreude entgegen kommt, sondern, weil sie ihn anregt, sich auch schöner Legatobögen zu bedienen, die Höhen leuchten zu lassen und das Gesungene optisch zu unterstreichen. Dank seiner Stimmkraft war Rodolfo halt kein unbedeutender Poet.

Voll und warm hingegen klang die gesunde Baritonstimme von George Petan, die dem Maler Marcello kräftige Konturen verlieh. Der jüngste unter den vieren, Martin Häßler, groß und schlank, eine sichtlich empfindsamer baritonaler „musicista“, lieferte ein feines Künstlerportrait. Geradezu verschwenderisch dünkte einen der Einsatz des Ex-Wotans und heute konkurrenzlosen Straussischen Ochs von Lerchenau in der Rolle des bassalen „filosofio“ – Günther Groissböck.

Aber: Auch der padrone di casa, den die vier Studenten mit seinen Honorarforderungen für das Künstlerzimmer so geschickt abwimmeln, hatte in Marcus Pelz einen idealen Vertreter, mimisch, darstellerisch und vokal.

Dass inmitten von so viel emotionalem Überschwang der Auftritt von Anna Netrebkos Mimi, der die Sängerin mit aller der Figur von Puccini verliehenen Gefühlskraft die größte Innigkeit nicht versagte und ihr mit ihrer warmen vollen Stimme in allen Lagen berührendes Leben verlieh, krönte den Abend. Ihr Sopran mochte nicht mehr mädchenhaft geklungen haben, aber dank der vokalen Fülle, Klarheit, Topsicherheit und unglaublicher Emotionalität, gespickt auch durch charmant-humorige Kommentare, und der letztlich noch im Sterben von höchster Poesie getragenen Ausdrucksstärke, war einfach beglückend. Es war letztlich nicht der Name, nicht all das, was die Medien ihr nachsagen zu müssen meinten, sondern die Leistung einer ganz außerordentlichen Künstlerin, die sich in den unterschiedlichsten Rollen auf dieser Basis mitzuteilen weiß.

Die Musetta von Nina Minasyan konnte einem neben ihr nur leidtun. Mit ihrem hellen, leichten Koloratursopran konnte sie ihrer großen Kollegin nur wenig entgegenhalten. Martin Müller als Papignol, Johannes Gisser als Zollwächter und Dimo Georgiev als Obstverkäufer entledigten sich ihrer kleinen Rollen tadellos.

Wie in jeder Vorstellung beglückt neben den verinnerlichten Szenen dieses musikdramatischen Meisterwerks, das zweite Bild („Opera in quatro quadri“ nennen ja die Autoren das Stück) in dieser Inszenierung: die Liebenden gehören auch hoffnungsfroh der bunten Außenwelt an, die sich vor dem farbfrohen Café Momus trifft. Hier störte das lautstarke Orchester nicht, denn da war alles stark- von der Beleuchtung zum prächtig singenden Staatsopernchor und Kinderchor der Opernschule, einmal mehr in aller Präzision bei Chormeister Martin Schebesta in besten Händen. Und die diversen philharmonischen Feinheiten, die dann im 3. Und 4. Bild die Seelen beglücken, hat wohl der Dirigent mitgenossen.

Die Publikumsbegeisterung, die sich nach der Vorstellung noch in einem Massenandrang von Autogrammjägern beim Bühnentürl Luft machte, erinnerte an so manche selige Zeiten, wo dies beinah allabendlich die Regel war. Es wurde uns mitgeteilt, dass Frau Netrebko nicht hier heraus käme, aber alle anderen Protagonisten durften reichlich beweisen, dass sie in der Schule das Schreiben gelernt haben.

© Sieglinde Pfabigan

Liebe Grüße

Willi😀

Eine wirkliche Bereicherung, dass wir solche fundierte, engagierte Besprechungen der großen Opernkennerin und unseres Mitglieds  Dr. Sieglinde Pfabigan übernehmen und unseren Mitgliedern und Gästen bieten können.

Die Sängerfreunde regen an, solche Nutzen bringende Netzwerke auszubauen.

Größten Dank an Sieglinde, für diesen überaus in vielen Einzelheiten geschilderten Bericht, den ich mit großer Freude und ebenso großem Interesse gelesen habe. Denn die „Bohéme“ ist mit Abstand meine absolute Lieblingsoper. Überaus erfreulich aus dem Bericht ist, es wird immer noch die Zeffirelli – Inszenierung aufgeführt. Und so weit mir bekannt ist, ist diese nun schon fast 60 Jahre alt. Hier beweist sich eben qualitative Werktreue!!!

Was für schöne Erinnerungen, wenn ich an die vielen, ebenfalls großartigen Aufführungen denke, die ich seinerzeit an der Berliner Staatsoper erlebt habe. Auch die Aufführungen im Opernhaus Liberec, die ich seit 2018 viele Male dort erlebt habe, waren immer beglückend. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß diese Oper, trotz personeller Querelen in der Führungsetage im kommenden Jahr, wieder im Spielplan ist.

LG PavOro

Zitat: Die Sängerfreunde regen an, solche Nutzen bringende Netzwerke auszubauen.

Ich werde gegen Ende des Jahres noch einige Kritiker, die häufiger im Online Merker schreiben, deswegen kontaktieren, wie ich es auch bisher schon bei einigen Kritikerinnen und Kritikern getan und keinerlei Absage erhalten habe.

Liebe Grüße

Willi😀

P.S. ich darf an dieser Stelle auch bemerken, dass ich eine weitere Kritik des uns freundschaftlich verbundenen Kritikers Manfred A. Schmidt zu einer Aufführung der Zauberflöte eingestellt habe.

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