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„Schöne“ Musik eines Mittelmäßigen (?)

Ich berichte hier von einer Neuerwerbung aus dem Bereich „Oratorium“. Johann Michael Haydn, der jüngere Bruder des großen und durchaus epochal zu nennenden Joseph Haydn, hat das Werk komponiert; es hat den Titel Kaiser Konstantin I. Feldzug und Sieg und behandelt das Thema des römischen Kaisers Konstantin I. (um 272-337), der der Christenverfolgung ein Ende setzte und der sogar als erster Herrscher Roms zum christlichen Glauben konvertierte.

Textautor des Oratoriums ist ein gewisser Johann Heinrich Drümel, der, aus Nürnberg gebürtig und in mehreren Bildungseinrichtungen tätig war und der später als Professor für Staatsrecht in Salzburg arbeitete und sein Leben abschloss.

Dort, in Salzburg, wurde das Werk 1769 in der Fastenzeit aufgeführt. Es ist nicht dramatisch im Sinne einer geistlichen Oper, hat also keine Handlung, sondern zeigt einen Dialog zwischen fünf allegorischen Figuren auf, die jene Abläufe in Rom bildlich abbilden, die bis heute ein Thema sind:

die Schlacht Kaiser Konstantins gegen seinem Rivalen Maxentius um die Kontrolle über das „Weströmische Reich“. Diese allegorischen Figuren sind Glaube, Kleinmütigkeit, Philosophie, Tapferkeit und Theologie. Sie geben Aufschluss über ihre Haltung in der Debatte, die von Angst (Kleinmütigkeit) bis hin zu Zuversicht auf einen positiven Ausgang (Theologie) reicht. Von musikalischem Gesichtspunkt aus finde ich es bemerkenswert, dass Johann Michael Haydn diese Charaktere nur Sopranen zugeordnet hat. Eine solche Zuschreibung ist hinsichtlich der Unterscheidung der Stimmen für mich problematisch.

Die Rezitative behandelt Haydn als eine Mischung von Secco und Accompagnati. Sie beginnen oft als Secco und führen – wenn eine allegorische Figur musikalisch starke Gefühle zum Ausdruck bringen muss – in ein Begleitung mit dem gesamten Orchester. Haydns Musiksprache ist zwischen Barock und Wiener Klassik angesiedelt; sie ist nicht mehr dem Barock-Zeitalter verpflichtet, ist aber auch noch nicht der Wiener Klassik zuzuordnen.

In dem hier gehörten Oratorium ist die Ouvertüre und sind die meisten Arien in Sonatenform geschrieben. Die Arien haben allerdings nicht das A-B-A Modell des Barock, sondern nutzen die Dal-Segno-Form. Sie sind aber oft auch ungewöhnlich begleitet. Ich nenne mal als Beispiel die erste Arie der „Tapferkeit“ („Jubilieret, triumphieret“): diese Arie enthält eine ungewöhnlich virtuos angelegte obligate Trompeten-Stimme, die der Sopran mit ihren Figuren in einen Wettstreit mit eben dieser Trompete beitritt.

Ein Duett zwischen „Kleinmütigkeit“ und „Philosophie“ („Rom ist mir zu stille worden“) weist eine weitgehend parallele Stimmenführung auf. In einer Arie, die dem „Glauben“ zugewiesen ist, wird eine gewisse Angst um das Schicksal von Kaiser Konstantin beschrieben. Haydn schreibt ein Solo-Horn als obligate Stimme vor, deren dunkler Klang zum Text passt und die eine eigene Kadenz hat. In einer weiteren Arie verkündet die „Theologie“, dass Gehorsam gegenüber Gott dem Individuum Sicherheit und Nutzen bringt.

Ich möchte noch ein weiteres Duett erwähnen, gesungen von der „Philosophie“ und der „Tapferkeit, das wiederum in paralleler Bewegung verläuft, in dem aber der Tod eines Helden mit dem Namen „Rufin“ Erwähnung findet. Da dieser Held nicht näher bekannt gemacht wird, muss man an dieser Stelle wohl oder übel spekulieren: Es scheint sich um den Senator Gaius Vettius Cossinius Rufinus zu handeln, der 315/16 praefectus urbi (Stadtpräfekt, also eine Art Bürgermeister von Rom) war.

Eine weitere Arie der „Kleinmütigkeit“ („Stille, stille, Gottes Wille“) mit obligater Horn- und Posaunenstimme muss erwähnt werden, die diese Arie mit einem ausgeweiteten instrumentalen Teil eröffnet und vor dem Einsatz der Singstimme mit instrumentalen Kadenzen beider Soloinstrumente endet,

Johann Michael Haydns Oratorium endet mit einem Chorsatz – dem der Solo-Alt beigefügt ist – („Ihr Christen, streuet Psalmen“) und der verdeutlicht, dass Kaiser Konstantin den Kampf gegen seinen Rivalen Maxentius gewonnen hat, was den Komponisten dazu bewog, die Textzeile „Singt fröhliche Sieges-Psalmen“ ein Zitat eines gregorianischen Psalmtons einzufügen, der in langen Noten gesungen wird.

Dieses Oratorium sollte die Meinung widerlegen, Johann Michael Haydn sei nur ein ein Komponist aus der zweiten Reihe gewesen, dessen Rolle in der Musikgeschichte dementsprechend auch nur marginal ist. Immerhin: Mozart junior schätzte ihn, im Gegensatz zu Vater Mozart, sehr, ebenso später Schubert und Bruckner. Sollte das nicht ein Grund sein, sich mit seinem Werk ernsthaft auseinander zu setzen?

Ich gebe zu, dass mir die Musik dieses Haydn gefällt. Sie ist „schön“ in dem Sinn von Gefälligkeit und „gut ins Ohr“ gehend. Bei näherem Hineinhorchen aber bleibt nur die Feststellung, dass dieser Haydn nicht die Kraft und Originalität der Musik seines Bruders Joseph hat!

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Die meiner Hörsitzung zugrundeliegende Aufnahme ist ohne Zweifel recht anspruchsvoll. Die Solisten, allesamt aus Ungarn, überzeugen sowohl in den Rezitativen (die im übrigen manchmal ermüdend lang sind!) und Arien und können hervorragend den deutschsprachigen Text zu Gehör bringen, soweit das Soprane überhaupt können! Die obligaten instrumentalen Partien werden von László Borsódy (Trompete), Zoltán Szőke (Horn) und Ferencz Kócziás (Posaune) brillant ausgeführt. Das Orfeo Orchester spielt seinen Part engagiert und mit hörbarer Lust; der Chor artikuliert klar und verständlich, natürlich auch musikalisch in vollendeter Diktion. Allerdings habe ich ein Problem mit der Tatsache, dass die Soli für Soprane komponiert wurden. Und das macht hier eine Unterscheidung der Stimmen schwierig. Ohne den Text mitzulesen ist keine Erkennbarkeit gegeben. Da hätte ich mir unterscheidbarere Stimmen gewünscht. Was übrigens die Darbietung in gesangstechnischer Hinsicht für mich nicht negativ beeinflusst. Den Musikliebhabern ist mit diesem Oratorium nicht nur eine Repertoirelücke geschlossen worden, hier wird auch engagiert und mit Enthusiasmus gearbeitet. Und es könnte die Lust auf mehr von Johann Michael Haydn nachen, z.B. mit folgender Kassette:

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uhrand

Erst in den letzten Jahrzehnten wird das umfangreiche vokale Œuvre von Michael Haydn nach und nach erschlossen. Sein lange verschollenes Oratorium Kaiser Konstantin I. Feldzug und Sieg (1769) wurde kürzlich in Budapest wiederentdeckt und wird hier erstmals auf Tonträger vorgestellt. Der Inhalt dreht sich um Kaiser Konstantin I., der in der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 in Rom ein himmlisches Zeichen bekam, dadurch den Sieg errang und zum christlichen Glauben übertrat. Michael Haydn schrieb hierfür eine farbige und üppige Musik von großer Kunstfertigkeit.

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"Ein Tag ohne Musik ist ein verlorener." Peter Schreier

@ Manfred:

Die Box habe ich auch, lieber Manfred und demzufolge auch das Oratorium. Wenn ich nach unserem Rumänienaufenthalt mit vier Konzerten in der letzten Maiwoche wieder zu Hause bin, werde ich in das Oratorium mal hineinhören und mich dann wieder hier melden.

Liebe Grüße

Willi😀

Gestaltung Agentur kuh vadis