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Troubadour-Forum für klassische Vokal- und Instrumentalmusik

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Vom Notfall zum Idealfall

So überschreibt Thomas Voigt einen Artikel im Booklet zur Aufnahme der Oper Alcina von Georg Friedrich Händel, die am 15. Mai 1959 aus dem Sendesaal des WDR in Köln aus Anlass der 200.Wiederkehr des Todesjahres des Komponisten gesendet wurde und von der eine Aufnahme auf Schallplatten veröffentlicht wurde. 2008 haben der WDR und die Deutsche Grammophon Gesellschaft eine Doppel-CD herausgegeben, die m.E. beweist, dass, im Hinblick auf eine Rundfunksendung, gekürzt wurde, denn neuere Aufnahmen (allesamt als HIP aufgenommen) erscheinen mit 3 CDs. Ich habe mich damals, 2008, trotzdem über diese historische Veröffentlichung gefreut – was auch heute noch gilt.

Es gab allerdings damals, 1959, einiges an Aufregung um diese LIVE-Performance, wie Thomas Voigt im Booklet der CD-Ausgabe berichtet. Und das soll hier nachgereicht werden, sozusagen als Nachtrag zur Inhaltsangabe im Opernführer, wo auch ein Posting der hier zu besprechenden Aufnahme vorhanden ist.

Es begann damit, dass bei der ersten Solistenprobe am 9. Mai 1959 festgestellt wurde, dass Nicola Monti, Tenor von der Mailänder Scala, die falsche Rolle einstudiert hatte: Oronte statt Ruggiero. Die Partie in den verbleibenden fünf Tagen bis zur LIVE-Sendung neu zu erlernen, traute sich Monti nicht zu. Außerdem hatte man wegen des HIP- Orchesters, der Capella Coloniensis, die Rolle tiefer transponiert, was für Monti ungünstig war.

Hier kommt nun Fritz Wunderlich als gesetzter Oronte ins Spiel: der Sänger erklärte sich einverstanden, den Oronte Monti zu überlassen und den Ruggiero zu übernehmen. Das hat die Altistin Norma Procter, die für die Rolle des Bradamante engagiert war, zu der Äußerung veranlasst, dass alle Mitwirkenden erstaunt über den Gesang Wunderlichs war, der bei der Probe vom Blatt sang und auch die schwierigsten Koloraturen meisterte.

Jetzt kam die nächste Krise: die Sängerin der Titelpartie, die Spanierin Dolores Perez, kämpfte mit schweren Intonationsproblemen und wurde, nach längerer Diskussion, bei der es natürlich auch um die Gage ging, aus dem Vertrag entlassen. In einer Aktennotiz des WDR heißt es dazu, dass Frau Perez zunächst nicht bereit war, auf die Gage zu verzichten (sie ließ sich auch durch das Vorspielen der Proben-Aufnahmen, die eindeutig negativ waren, nicht überzeugen), gab aber schließlich nach, weil der WDR bereit war, 60% der Gage zu zahlen.

Das Gagen-Problem war natürlich auch bei Monti gegeben, doch war es, wie es in der Aktennotiz heißt, nicht einfach, die Gage zu kürzen, denn der Sänger war eine erste Kraft der Mailänder Scala und wegen eines Übertragungsfehlers in der Kommunikation der Konzertdirektion Finzi traf ihn, wie analysiert wurde, keine Schuld. Immerhin übernahm er die Flugkosten Mailand-Köln (und zurück).

Andererseits musste man das Honorar für Fritz Wunderlich (wegen der größeren Partie des Ruggiero) erhöhen und auch noch den Korrepetitor aus Stuttgart bezahlen, der die Rolle des Oronte mit Wunderlich einstudiert hatte.

Wie aber war nun das Problem für die Rolle der Alcina zu lösen? Wer war in der Lage, Dolores Perez zu ersetzen? Irgendjemand erinnerte sich, dass Joan Sutherland zwei Jahre zuvor die Rolle der Alcina in London, allerdings in englischer Sprache, unter ihrem Ehemann Richard Bonynge gesungen hatte. Es ergab sich bei eiligst anberaumten Telefongesprächen, dass die Sutherland Zeit hatte und bereit war, ihren Part in der italienischen Originalsprache zu lernen. Auf diese Weise kam es in Köln zu der einmaligen Konstellation Sutherland / Wunderlich.

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, die Alcina-Produktion als ein Unikat zu sehen: sie ist auch insofern eine Pioniertat, als das Orchester, die Capella Coloniensis, hier als weltweit erstes Orchester auf historischen Instrumenten der Barockzeit (oder ihren entsprechenden Nachbauten) spielte, um eine möglichst stilgetreue Aufführung der Opern jener Zeit zustande zu bringen. In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass beim ersten Konzert der Capella (am 18. September 1954) im Publikum der seinerzeitige Bundespräsident Theodor Heuss und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard saßen, was man durchaus als Wertschätzung (neben großer Neugierde) werten darf. Im Orchester spielten damals die Pioniere der Alten-Musik-Bewegung, wie der Cellist August Wenzinger, der Flötist Gustav Scheck und der Cembalist Fritz Neumeyer. Hier, in der Alcina-Aufnahme, waren noch zusätzlich Hans-Martin Linde (Flöte) und Helmut Winschermann (Oboe) dabei. Und am Dirigentenpult stand mit Ferdinand Leitner, Generalmusikdirektor in Stuttgart, ein ausgewiesener Händel-Kenner vor dem Orchester, von dem es hieß, dass er es als willkommene Abwechslung ansah, nach langen Wagner-Aufführungen an seinem Haus jetzt in Köln mal Händel dirigieren zu können.

Alcina [Gesamtaufnahme]

Liste der Interpreten:
Alcina Joan Sutherland
Ruggiero Fritz Wunderlich
Bradamante Norma Procter
Morgana Jeannette van Dijck
Oronte Nicola Monti
Melisso Thomas Hemsley
Kölner Rundfunkchor, Einstudierung Bernhard Zimmermann
Capella Coloniensis
Gesamtleitung Ferdinand Leitner

Ich möchte den Musikfreunden, die Händels Musik goutieren, diese Produktion empfehlen, dem Aufnahme-Detail MONO und der Kürzung (durch Vorgabe des Rundfunks) zum Trotz. Amazon und der Zweitverwerter medimops haben (ohne große Preisdifferenzen) nur noch einige wenige Exemplare im Angebot. Der künstlerische Wert dieser Aufnahme wird bestimmt jeden überzeugen und den Nachteil von MONO und Kürzung wettmachen.

Gestaltung Agentur kuh vadis